Gastbeitrag: In jeder Familie steckt Geschichte

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Unsere Autorin Christina Rajkovic wurde 1989 in Bregenz, Österreich geboren. Sie hat Geschichte und Slawistik an der Universität Wien und in der Aarhus Universität in Dänemark, sowie Südosteuropa Studien an der Karl-Franzens Universität in Graz und an der Universität in Zagreb studiert. Während des Studiums hat sie zwei Praktika im Landesarchiv Vorarlberg in Österreich, sowie ein Volontariat im Volkskundemuseum in Wien absolviert. Mittlerweile ist sie als Kulturvermittlerin im GrazMuseum tätig. Als Tochter einer österreichischen Mutter mit deutschen Wurzeln und einem kroatischen Vater, kann sie sich in der Erforschung ihrer Familiengeschichte bestens austoben. Christina hat bereits vor 5 Jahren einige Blogbeiträge, hauptsächlich über Migration, verfasst. Für weitere Infos, siehe unten.

September 2018

Seit Monaten finde ich wieder einmal die Zeit mich mit meiner Familiengeschichte auseinander zu setzen. Viele Ereignisse dominierten die vergangenen Monate, schöne, traurige, spannende und aufregende Momente – alles Geschehnisse, die ihre eigene Geschichte schreiben und vielleicht in einigen Jahrzehnten von Familienangehörigen erforscht werden wollen?

Es fasziniert sein eigenes Leben in einem Zusammenspiel von Alltagswahnsinn und Weltgeschehnissen zu betrachten und es ist schnell erkennbar, dass auch wir unsere (winzig) (kleine) Rolle im aktuellen Weltgeschehen spielen, wie es auch unsere Vorfahren schon getan haben. Während ich Zeitzeugin einer noch immer ausbeuterischen Welt-, skrupelloser Flüchtlings- und der rechten Alltagspolitik bin, aber auch bahnbrechenden Erfindungen miterlebe und einen gewöhnlichen Alltag führe, haben auch meine Vorfahren ein Leben inmitten, aus heutiger Sicht, herausragenden Weltereignissen gestaltet.
Ich wuchs in Bregenz am Bodensee auf. Die Ferien verbrachte ich in Nordrhein-Westfalen und Kroatien. Die kleine Hauptstadt des Bundeslandes Vorarlberg wirkte in meiner Jugend wie ein Dorf und hatte für mich damals doch etwas Konservatives und Weltfremdes. Schnell war klar, dass ich für das Studium unbedingt in die vielversprechende und vor allem offene Hauptstadt Österreichs, nach Wien, ziehen musste. Dort konnte ich meinen Idealen näher kommen und auch meinen Wunsch Geschichte und Slawistik zu studieren umsetzen. Mittlerweile lebe ich in Graz, habe Südosteuropa Studien und Südosteuropäische Geschichte studiert und arbeite als Kulturvermittlerin im Museum. Noch immer fasziniert mich wie wir Menschen, immer überzeugt dass unser Alltag das wichtigste Geschehen ist, in wirkungsvollen und bahnbrechenden politischen und gesellschaftlichen Ereignissen eingebettet ist. Unser Wirken wird vom alltäglichen Geschehen beeinflusst. So faszinierte mich auch recht schnell wie die Geschichte meiner Familie sich in die Geschichte, die wir in der Schule und im Studium lernen, fügte. Meine Vorfahren sind nicht nur Zeugen ihrer Zeit, sondern schrieben die Geschichte auch durch ihr Wirken mit. Jede und jeder einzelne hat mit ihrer/seiner Haltung, ihrem/seinem Wirken und Handeln die Geschichte mitgestaltet.

Familiengeschichte bedeutet für mich einen ganz persönlichen Zugang zu, aus heutiger Sicht, wichtigen historischen Ereignissen und Momenten zu finden. Die Geschichte der Gebiete, aber auch bestimmter Entwicklungen, wie die Frauenbewegung, politische Entwicklungen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, Technisierung und Modernisierung zu erkunden, bringt auch immer Rückschlüsse zur Geschichte der Familie. Besonders versuche ich aber Geschichte an sich als ein sehr subjektives und selbstreflexives Konstrukt zu betrachten. Die allgemeine Geschichte entsteht durch viele kleine Universen, die sich zu einer großen zusammenfügen.
Besonders die Migrationsgeschichte bietet viele Möglichkeiten die eigene Familiengeschichte zu erkunden und Antworten auf zahlreiche Fragen zu finden. An meiner Familiengeschichte faszinieren mich die unterschiedlichen Migrationsgründe der einzelnen Vorfahren, welche vor allem Resultat der politischen Ereignisse so wie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen waren. Von wirtschaftsbedingter Migration, sozialen Beweggründen bis zu individuellen Motiven wie Bildungswünsche, Abenteuerlust oder Liebe, ist alles vertreten. Dies beweist in einer gewissen Weise, wie sich der individuelle Alltag und die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse auf die Familiengeschichte auswirken.
Anschließend möchte ich ein wenig meine Familiengeschichte vorstellen. Als eine von vielen Beispielen, zeigt sie, wie sehr sich Migration auf die Familiengeschichte auswirken kann und wie das Alltagsleben unserer Vorfahren in die Geschichte eingebettet ist.

In den 1910er Jahren in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie

Christinas Urgroßvater

In den letzten Jahren der Österreich-Ungarischen Monarchie wurde ein Junge zwei Monate vor der Annexionskrise im nordwestlichen Bosnien geboren. Der Sohn eines ehemaligen K.u.K. Soldaten, welcher aus der ärmlichen kroatischen Lika in das annektierte Bosnien gezogen war, wuchs am Kozara Gebirge auf. Von seinen drei Geschwistern blieb nur einer in dem kleinen Dorf. Die Familie ist noch heute dort bekannt. Der junge Mann mit Selbstvertrauen, frohem Gemüt und Tatendrang verließ die Familie im damaligen Königreich Jugoslawien (Banschaft Vrbas) um im nahegelegenen Majur ind der Bahnschaft Kroatien in einer Ziegelfabrik Geld für seine Familie zu verdienen…

In den 1930er Jahren im Königreich Jugoslawien

Ein Jahr bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach wurde ein Mädchen als Nachzüglerin in eine achtköpfige Familie in der damaligen Banschaft Vrbas im Königreich Jugoslawien geboren, welches nur drei Jahre später von der Ustaša in den Sattelitenstaat des Deutschen Reiches – den unabhängigen Staat Kroatien (NDH) aufgenommen wurde. Von der radikalen Politik und den Gräueltaten, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, bekam das Mädchen nur sehr wenig mit. Sie war zu jung und damit beschäftigt ihre Familie in einem kleinen unscheinbaren Dorf zwischen bosnischen Hügeln bei der Bewirtschaftung der Bauernfelder zu unterstützen. Sie wurde älter, der Krieg war schon länger vorüber und Tito hatte nun die Länder des ehemaligen Königreichs Jugoslawien als Kommunistische Föderation wiedervereint. Das mutige Mädchen war nun eine Jugendliche, noch immer nicht sehr an der großen Politik interessiert, verliebte sich in einen Jungen aus dem Dorf, mit welchem sie auch ein gemeinsames Kind bekam. Dieser junge Mann versuchte sein Glück jedoch in Deutschland, denn die Wirtschaft war zwar äußerst vielversprechend, jedoch für viele nicht so attraktiv wie im „Westen“. Sie entschloss sich eine Arbeit in einer wirtschaftlich besser gestellten Gegend zu finden und zog los…

In den 1940er Jahren in der jungen Bundesrepublik Deutschland

Er war der erstgeborene Sohn einer bekannten Familie einer kleinen Ortschaft im Rheinisch-Bergischen-Kreis in Nordrhein-Westfalen. Der zweite Weltkrieg sollte noch ein Jahr dauern, ehe er endlich sein Ende fand. Seine Eltern, ein Bahnbeamter und eine Drogistin beschäftigten sich wohl mit der alltäglichen Politik, hatten aber vor allem die eigene Familienplanung im Kopf. Der begabte Junge wuchs in der Nachkriegszeit auf und bekam besonders das sparsame Leben im vom Kriege mitgenommenen Deutschland mit. Der Gymnasiast spielte gerne im Wald mit seinen Freunden, wo sie Höhlen und Baumhäuser bauten, aber hatte er auch Spaß mit seiner Schwester seine Englisch Kenntnisse zu testen. Er sehr kommunikativ und brachte seinen Eltern so manchen reisenden Gast ins Haus. Obwohl er Lehrer werden wollte, wie viele seiner Familienmitglieder, entschied er sich für eine Ausbildung zum Finanzbeamten in der Domstadt Köln. Er war wissbegierig, konnte sehr gut mit Zahlen umgehen und war ein talentierter Forscher. Seine Urlaube verbrachte er unter anderem am Bodensee in Österreich, wo seine Tante lebte, die nach Österreich geheiratet hatte…

In den 1940er Jahren in der zweiten Republik Österreich

Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die erste Tochter eines freischaffenden Künstlers und einer Prokuristin geboren. Beide waren mehr oder minder erfolgreich im Deutschen Reich gewesen. Das hübsche Mädchen wuchs gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Familie am Bodensee in der nun Zweiten Republik Österreich auf. Während die Mutter vor allem den Haushalt führte aber trotzdem stets zum Ziel hatte selbst zu arbeiten, war der Vater besonders an Reisen und seinem künstlerischen Schaffen interessiert. In der Offizierswohnung einer Kaserne und auch bei den Großeltern im Vorarlberger Rheintal verbrachte sie eine schöne, lustige und aufregende Kindheit. Obwohl sie Modezeichnerin werden wollte, entschied sie sich den Beruf der Schneiderin zu erlernen, da er ihr ein recht sicheres Einkommen ermöglichen würde. Sie genoss die wieder steigenden Freiheiten und Möglichkeiten, welche Frauen und Mädchen nun langsam wieder zu Teil wurden. Durch die immer bekannter werdende Seebühne in Bregenz, konnte sie auch mit der Schauspielerei Bekanntschaft machen. Doch war es eine andere Bekanntschaft, die ihr die Türen in die Welt außerhalb Österreichs öffnete…

Christinas Großmutter und Mutter mit ihrem Bruder am Bodensee.

In den 1950er Jahren an der Grenze zwischen der Sozialistischen Republik BiH und der Sozialistischen Republik Kroatien

Die mutige junge Frau fand, obwohl alleinstehend und –erziehend, eine Arbeit in einer Ziegelfabrik, wo sie viel und anstrengende Arbeit verrichtete. Der fleißiger Wittwer und Vater von sechs Kindern wurde auf sie aufmerksam und bewunderte die viel jüngere, hübsche und äußerst fleißige Frau. Er hielt um ihre Hand an und versprach ihr, dass sie nie wieder arbeiten müsse, wenn sie mit ihm zusammen lebte. In Majur baute er ein Haus für sie, wo sie bis zu seinem Tod mit seinen und ihren gemeinsamen vier Kindern lebten. Meine Großeltern hatten drei gemeinsame Töchter und einen Sohn. Ihr zweitgeborener Sohn, mein Vater, war ein kleines Schlitzohr, wissbegierig, interessiert an Technik und liebevoll im Umgang mit den Tieren am Hof. Er liebte es vor allem mit seinem Vater die Tiere zu hüten oder wild in der Gegend herumzureiten. Obwohl er eine sehr unbeschwerte und schöne Kindheit hatte, träumte er von etwas ganz Großem…

In den 1960er Jahren am Bodensee und in Nordrhein-Westfalen

Meine Großmutter und mein Großvater lernten sich am Ufer des Bodensees kennen, als sie mit ihren Freundinnen am Baden war als er mit seinem modernen Kofferradio die Promenade entlang spazierte. In den 1960er Jahren waren sowohl Österreich als auch Deutschland von einem Wirtschaftsaufschwung beglückt. Bald war klar, dass der junge Finanzbeamter und die hübsche Schneiderin ihr gemeinsames Glück in Nordrhein-Westfalen versuchen wollten. Hier hat die Familie sie mit einem Stück Land für ein Eigenheim unterstützt. Einmal weg aus der kleinen Ortschaft am Bodensee, das gefiel der jungen Frau und entsprach ganz ihren Sehnsüchten. Nach einer schönen Hochzeit wurde das Glück durch die Geburt einer Tochter vollkommen. Wie sich herausstellte sollte ihr Kind nicht nur lustig, sondern auch sehr wissbegierig und neugierig zu sein. Die Freude am Unbekannten und Unkonventionellen sollte auch der Grundstein für ihren weiteren Lebensweg darstellen…

Christinas Großvater mit ihrer Mutter

In den 1970er und 1980er Jahren in Jugoslawien

Man kennt sich in einem kleinen Dorf, sieht sich des Öfteren und hört auch voneinander. Besonders wenn die eigene Familie nicht den konventionellen Weg geht. Während eine junge, hübsche und fleißige Frau als Gastarbeiterin in Deutschland ihr Glück und nicht nur eine sichere Arbeitsstelle, sondern vor allem ihre große Liebe gefunden hat, hat auch die Witwe und Mutter von fünf Kindern nach einem erneuten Niederschlag – das Versterben ihres Mannes – den Mut und die Überzeugung nicht verloren. Sie verliebte sich in einen voller Tatendrang steckenden jungen Mann, der jedoch gerne um die Häuser zog. Dies hinderte ihn nicht daran sich um die Familie zu kümmern und das Haus der Frau fertig zu stellen.

Christinas Vater und Geschwister am Grab des Großvaters.

Mein Großvater ist später eine zweite Ehe, mit der hübschen Frau aus dem heutigen Kroatien eingegangen. Und so verbrachte meine Mutter ihre Ferien immer mit den Zweien in Jugoslawien. Meine Mutter, die schon fleißig an ihren Kroatisch-Kenntnissen arbeitete und mein Vater, der fleißige und sportliche Junge, der später eine Mechaniker-Ausbildung machte, kannten sich aus Erzählungen, lernten sich jedoch beim Tanz kennen. Sie verliebten sich ineinander.

In den 1980er Jahren in Österreich

Nach Jahren durch Kilometer an Kilometer getrennt voneinander, beschlossen sie, eine gemeinsame Zukunft in Österreich am vielversprechenden Bodensee zu versuchen. Während hier die Wirtschaft nach einem Einbruch durch die Ölkrise der 1970er Jahre wieder ihren Aufschwung fand, stürzte sich die SFR Jugoslawien trotz einer sich öffnenden Wirtschaftspolitik durch politische Intrigen und einen nationalistischen Aufschwung in eine tiefgreifende Krise. Obwohl ein Umzug nach Jugoslawien im Gespräch war, beschloss die junge Familie, nun mit einer Tochter und einem Sohn, vor allem mit Ausbruch des jüngsten Jugoslawienkrieges, vorerst in Österreich zu bleiben.

Literaturempfehlung:
Karl Vocelka „Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik.“ (Graz/Wien/Köln, 2009).
Marie-Janine Calic „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert.“ (München, 2010).
Golo Mann „Deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts.“ (Berlin, 1992).

Christinas Blogbeiträge:
Migration und Ahnenforschung
Arbeitsmigration
Arbeitsmigration II
Kroatien und seine große Migrationswelle
Migration und Flucht

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