Deutsche Auswanderung, Teil 4 – Auf nach Transsilvanien!

Deutsche Auswanderung, Teil 4  – Auf nach Transsilvanien!

Liebe Leser, vor einigen Wochen haben wir Ihnen einen kurzen Überblick über die deutsche Auswanderung in verschiedenste Gebiete rum um den Globus gegeben. Dabei sind einige Gebiete von großem Interesse allerdings wohl zu kurz gekommen. Dies würden wir hier gerne nachholen.

Die Siebenbürger Sachsen

Zuallererst wollen wir mit dem Missverständnis aufräumen, das die Siebenbürger Sachsen auch tatsächlich nur aus Sachsen bestanden. Die Bezeichnung “Sachsen” geht wohl auf eine ungenaue Formulierung und Umdeutung des Wortes “Saxones” zurück. Gemeint sind in diesem Fall nicht die Sachsen, sondern Ritter, genauer Soldritter. Sie waren also keine eigene Ethnie, sondern so etwas wie eine Standesbezeichnung.

Die Herkunftsgebiete der sogenannten “Sachsen” waren die Gebiete zwischen Köln, Trier und Lüttich, aber auch Wallonen und Bayern befanden sich unter ihnen. Angeworben wurden Sie von Lokatoren, die im Auftrag eines Grundherren (in diesem Fall des ungarischen Königs) Menschen für die Urbarmachung von Land anwerben sollten. Die ersten Ansiedlungen erfolgten im Jahre 1150 unter König Geza II. von Ungarn. Die Urbarmachung erfolgte sehr geplant und ist heute noch für uns nachvollziehbar. Jede der ersten 13 Ansiedlungen bestand aus ungefähr 40 Höfen. Insgesamt kann man also von über 500 Höfen und einer ungefähren ersten Siedlungswelle von über 2500 Personen ausgehen.

Historische Anekdote: Doch nicht nur der ungarische König brachte deutsche Siedler in dieses Gebiet. Auch der deutsche Ritterorden, den König Andreas II. zum Schutz vor turkstämmigen Clans in Land geholt hatte, besiedelte sein Gebiet mit Deutschen. Als diese jedoch versuchten einen eigenen Staat dort zu gründen, wurden sie wieder vertrieben.

Haben Sie auch Verwandte oder Vorfahren aus Siebenbürgen? Durchsuchen Sie unsere historischen Dokumente auf MyHeritage.

Die Siedler, sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt organisierten sich in sogenannten Nachbarschaften. Diese kann man vielleicht am ehesten als eine Art “Zunft” beschreiben, zu der nur ein bestimmter Personenkreis, nämlich die deutsch-sächsischen Einwohner eines Dorfes zugelassen waren. Diese Form der Organisation diente vielen als soziale Absicherung, da diese Nachbarschaften auch soziale Aufgaben übernahmen wie z.B. das Vorbereiten von Beerdigungen und Hochzeiten. Geleitet wurden sie von einem gewählten Nachbarvater und einer Nachbarmutter.

Die Siebenbürger Sachsen genossen allerlei Privilegien, die ihnen von den ungarischen Königen zugebilligt wurden, die ihren Einfluss in diesem Gebiet gerne mehren wollten. Dazu gehörten u.a. das Freibürgertum, die Zollfreiheit für Händler oder die Nutzung von Wäldern und Gewässern.

Siebenbürger

Doch das Leben in Siebenbürgen war nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen für unsere “Sachsen”. Obwohl die Städte und Dörfer mit ihren Bewohnern bis zum 13. Jahrhundert gediehen, wurde doch die Entwicklung der Region durch den Mongolensturm von 1241 stark dezimiert. Zwar konnten sich die Siedlungen relativ schnell wieder erholen und durch den Handel mit Gold, Silber und Salz sogar ein beachtlicher Wohlstand erwirtschaftet werden, doch eben dieser Wohlstand machte sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum Ziel neuer Gefahren von aussen. Die Türken fielen ins Land ein und verwüsteten ganze Landstriche, entführten die Bevölkerung in die Sklaverei und brandschatzten. Um sich dieser Gefahr zu erwehren, errichteten die Siebenbürger etwas, was in Europa zu diesem Zeitpunkt einzigartig war: ein Netz von befestigten Kirchenburgen und Städten. Sie bauten ihre Kirchen zu massiven Wehranlagen aus, in denen die Bevölkerung Schutz suchen konnte. Auch die Städte und Dörfer wurden befestigt und einige von ihnen schafften es sogar, einigen türkischen Einfällen zu trotzen.

Historische Anekdote: In einem Nachbargebiet von Siebenbürgen, der Walachei, führte ebenfalls ein Herrscher Krieg gegen die Osmanen, dessen Namen jeder von uns schon einmal gehört hat. Die historisch Versierten kennen ihn unter seinem richtigen Namen Vlad III. Tepes Draculea, die literarisch Interessierten eher unter dem Namen, zu dem er Bram Stoker inspiriert hatte: Graf Dracula.

Die Türken verwüsteten trotz der heroischen Gegenwehr ganze Landstriche und zogen durch Ungarn und belagerten 1529 Wien. Das Fürstentum Siebenbürgen blieb zwar unabhängig, wurde jedoch den Osmanen tributpflichtig.

Hier wollen wir historisch ein bisschen Fahrt aufnehmen. Die Geschichte Siebenbürgens füllt sicherlich ganze Buchreihen, doch wollen wir hier nur einen kurzen Überblick geben.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Siebenbürgen dem Habsburgischen Reich angeschlossen, 1867 fiel es wieder dem Königreich Ungarn zu. Hier zeigten sich erstmal die Bestrebungen der ungarische Regierung, die verschiedenen Minderheiten in Siebenbürgen zu unterdrücken. Die “Sachsen” schafften es noch am ehesten dem zu widerstehen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde es dem Königreich Großrumänien zugeordnet, was viele Siebenbürger begrüßten, da sie sich hiervon eine offener Politik erhofften, was sich jedoch nicht erfüllte.

Im 2. Weltkrieg wurde die Situation sogar noch verschärft, da der Nordteil Siebenbürgens Ungarn zugesprochen wurde, der restliche Teil aber in Rumänien verblieb.

Neugierig auf die Siebenbürger Tradition? Lesen Sie in unseren historischen Büchern mehr darüber.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele Siebenbürger zur Zwangsarbeit verschleppt und viele Familien enteignet. Ihren Besitz und ihre Lebensgrundlage verleibte sich der rumänische Staat ein. All diese Ereignisse werden dazu geführt haben, das ab den 1970er Jahren viele der Familien nach Deutschland “zurückwanderten”. 1969 kam ein Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien zustande, in dem der deutsche Staat die “Sachsen” für 10.000 DM dem rumänischen Staat abkaufte.

Nach all den Kriegen und der Unterdrückung der letzten Jahrhunderte wollen wir diesen Bericht aber mit einer positiven Note abschließen. Auch wenn es heutzutage weniger als 20.000 Siebenbürger Sachsen in Rumänien gibt, gibt es doch weltweite Interessenvertretungen dieser Volksgruppe, die sich zu einer Föderation zusammengeschlossen haben.

Nach der Demokratisierung Rumäniens wurden die Siebenbürger durch die Partei “Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien” (DFDR) endlich auch wieder politisch vertreten. Diese Partei stellt übrigens auch seit 2014 den Präsidenten Rumäniens.

Hat Ihnen unser Bericht über die Siebenbürger gefallen? Über welche Auswanderungsgruppe würden Sie gerne noch mehr erfahren?