11    Okt 20132 Kommentare

Der Auszug über den großen Teich: USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und Kanada

Heute schreibt Hans-Peter Geis in unserem Blog über die große Auswanderung nach Amerika. Sehr spannend! Viel Spaß also beim Lesen. :)

Deck eines Auswandererschiffes © AKG-Images

Eine Hungerkrise in den Jahren 1816/17 treibt eine neue Welle von 20000 Deutschen in ferne Länder. Seit 1830 nimmt die Zahl der Auswanderer ständig zu, zwischen 1830 und 1869 sind es 2,4 Millionen, zu 60% Männer!

Besonders eng ist es im deutschen Südwesten, in Baden, Württemberg und der Pfalz, weil hier schon seit langer Zeit nach dem Tod des Vaters der Boden unter den Kindern aufgeteilt wird und dadurch immer kleinere Höfe entstehen. Ja es ist so eng, dass viele Gemeinden den Auswanderern einen Zuschuss bezahlen, damit sie auf diese Weise „Arme“ loswerden, denen sie sonst eine Unterstützung zahlen müssten. Von 1830-34 kommen die Auswanderer fast ausschließlich aus dem Südwesten. Seit 1845 folgen dann viele aus Westfalen, dem Rheinland, aus Oldenburg und dem Königreich Hannover. Schließlich folgen in den 60iger und 70iger Jahren Mecklenburger, Sachsen, sowie Pommern, Brandenburger, Schlesier und andere Preußen von östlich der Elbe. Die Landesherren sehen es nicht ungern, dass Sträflinge und Vagabunden das Land verlassen, nicht aber gesunde junge Leute, doch energisch verhindern sie es nicht.

Verlassen seit Beginn des Jahrhunderts zunächst 500 bis 1000 Menschen im Jahr ihre Heimat, so steigt die Zahl 1836 auf 26000. Ab der Jahrhundertmitte sind es oft mehr als 100000 Menschen pro Jahr, 1854 sind es 215000, die in die USA gehen, sie stellen die Hälfte aller Einwanderer. Nur während des amerikanischen Bürgerkrieges 1861-65 sind es weniger. 90% der Auswanderer aus Deutschland gehen schließlich in die USA, wo sie zu dieser Zeit fast ein Drittel der Einwanderer stellen. 52000 gehen nach Kanada, 50000 nach Brasilien, 1300 nach Argentinien, 33000 ins ferne Australien.

Mit einer mühsamen Reise zu Fuß oder auf Flussschiffen zu den Häfen von Bremerhaven und Rotterdam, seltener Hamburg, Amsterdam, Antwerpen fängt es an, ein bisschen leichter wird es, als es Eisenbahnen gibt. Für Süddeutsche liegt Le Havre in Frankreich günstig. In den Häfen müssen sie Tage oder gar Wochen in primitiven Logierhäusern warten, bis der Wind in der richtigen Stärke aus der richtigen Richtung weht, um das Schiff über den Ozean zu führen. In den 2,5m hohen Zwischendecks über den Frachträumen der Segelschiffe verbringen die armen Leute zusammengepfercht mit Fremden die sieben und mehr Wochen, umgeben von Seekranken und wirklich Kranken, bis sie in New York, Philadelphia, Boston, Baltimore oder New Orleans ankommen und allerhand Gaunern in die Hände fallen, die ihnen viel Geld für Unterkunft, Lebensmittel und Bahnfahrkarten abnehmen und sie oft genug betrügen. Seit Mitte des Jahrhunderts gibt es in Europa mehr Eisenbahnen, es gibt Dampfschiffe und die Reise nach Amerika wird bequemer und schneller, sie dauert nur noch 2-3 Wochen.

Hinter New York und Philadelphia erstreckt sich Pennsylvania - Penns Wälder - weit ins Land hinein, dort hatten sich die ersten Deutschen niedergelassen, Namen wie Germantown, Manheim, Strasburg, Wormelsdorf, Altoona erinnern an sie. Die neuen ziehen ab 1830 in die westlich anschließenden Staaten südlich der großen Seen und geben auch dort ihren Siedlungen Namen, die an die alte Heimat erinnern. Im Süden siedeln Deutsche in größerem Umfang nur in Texas, wo Baron von Meusebach im Jahr 1846 die Stadt Fredericksburg gründet, deren Einwohner noch heute stolz von ihrer deutschen Vergangenheit erzählen.

Sie alle fangen ganz bescheiden an in Blockhäusern, die sie aus den gerodeten Baumstämmen zimmern, in der baumlosen Prärie errichten sie Hütten aus Grassoden. Mit viel Schweiß bauen sie sich so eine Existenz auf. Vielfach lassen sie sich in der Nähe von Nachbarn oder Verwandten aus der alten Heimat nieder, der Anfang ist so leichter für sie. Mit der Entwicklung der Industrie wählen seit 1850 die meisten nicht mehr das Farmerleben, sondern bleiben in den großen Städten wie zum Beispiel New York, Philadelphia, Baltimore, Chicago, St.Louis und bilden dort deutsche communities mit eigenen Kirchen, Zeitungen, Schulen, Vereinen, Theatern. Ein Teil der deutschen Sitten stößt mit denen der puritanisch geprägten Amerikaner zusammen. Die schätzen es gar nicht, wenn ihre neuen Mitbürger bei Sängerfesten oder in ihren Vereinen zusammensitzen, ihre heimatlichen Lieder singen und reichlich Bier dazu trinken, und dass sie sonntags mit der ganzen Familie im Biergarten sitzen. Oft sehen sie ihre Werte und ihre Art des Lebens dadurch bedroht. Fremdes abzulehnen ist eben nicht nur eine deutsche Eigenschaft.

Grassodenhaus in Nebraska 1886. Aus A.Galema, W.Grams, A.Holtmann: Van de Ene en de Andere kant. Groningen/Oldenburg 1993.

Die Einwanderer selbst fühlen sich noch als Deutsche, viele wohnen in der gleichen Gegend, wie im Armenviertel der Stadt Cincinnati/Ohio, das die anderen Amerikaner spöttisch over the Rhine („jenseits des Rheins“, gemeint ist die andere Seite eines Kanals) nennen, weil dort so viele Deutsche wohnen. Oder sie gründen gemeinsame Siedlungen, die sie nach ihren Heimatstädten oder -dörfern nennen wie Neu-Ulm oder Oldenburg oder Han(n)over, das es 64mal gibt. Sie gründen eigene Kirchengemeinden, in die sie sich deutsche Pfarrer holen. Den heutigen Besucher enttäuschen die Orte oft, weil nur eine Kirche und ein paar Häuser an einem Highway übrig sind.

Aus mancherlei Gründen kehrt etwa ein Sechstel der Auswanderer zurück in die Heimat: wer genug Geld gemacht hat, um sich in Deutschland eine bessere Existenz aufzubauen, Witwen mit ihren Kindern, oder getrieben vom Heimweh oder weil sie sich nicht zurechtfinden, wie die Frau, die schreibt, ihr Bruder wolle lieber eine trockene Rinde Brot essen als wenn hier Butter drauf wäre...das Holz war immer im Wege keine in weite ferne ausgedehnte Aussicht bot sich ihm in Wisconsin. Immerhin kehren von den Einwanderern der anderen Nationen doppelt so viele zurück. Diejenigen, die bleiben, werden schon sehr bald loyale Bürger des neuen Staats. Im amerikanischen Bürgerkrieg sind 20 Prozent der Soldaten in den Nordstaaten deutsche Einwanderer oder ihre Söhne. Es gibt zwanzig rein deutsche Regimenter mit deutschen Offizieren, die schon 1848 beim Aufstand in Baden mitgemacht hatten.

Spätestens in der dritten Generation sind sie keine „Deutschen“ mehr sondern „Amerikaner“. Nur die strengläubigsten Mennoniten bewahren die Sprache ihrer Väter, sie ist die Sprache ihrer Bibel.

Vielen Angehörigen der kleinen religiösen Gruppen sind die US-Amerikaner nach ihrem Freiheitskrieg (1783) gegen die Engländer zu wenig tolerant, sie wandern deshalb ab nach Kanada, wo sie sich westlich von Toronto in einem deutschen Siedlungsgebiet mit Berlin als Zentrum sammeln (übrigens ist es von dort nicht weit nach Paris und London). Einwanderer aus Deutschland gesellen sich zu ihnen, so dass hier 1867 rund 100000 Deutsche leben, allerseits gelobt wegen ihrer Tüchtigkeit.

Nach 1871 gibt es jetzt zwar ein einiges Reich für die meisten Menschen, die Deutsch als Muttersprache haben, aber offensichtlich ist dadurch die große Glückseligkeit nicht ausgebrochen. Zwischen 1871 und 1912 verlassen noch einmal 2,85 Millionen - Höhepunkt ist das Jahr 1882, mit 250000 - die Heimat! Diesmal kommt der größte Teil aus den östlichsten Provinzen Preußens, meist sind es die Allerärmsten: Landarbeiter und Dienstmädchen. Erst 1892, als die wirtschaftliche Krise zu Ende ist, geht der Strom der Auswanderer zurück auf etwa 30000 im Jahr. Aus der Doppelmonarchie versiegt der Strom noch nicht: von 1896-1913 verlassen 1,36 Millionen ihre Heimat (sehr viele, meist Slawen, gehen nach Deutschland). Bis 1914 gehen 25000 nach Kanada.

In New York ist das Einreisezentrum Ellis Island seit 1892 das Tor zur neuen Welt, wo alle mit Herzklopfen darauf warten, dass sie auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor die Inspektoren der staatlichen Einwanderungsbehörde sie einlassen.

Die Deutschen bringen auch ihre sozialistischen Ideen dorthin mit, wo sie sich niederlassen und beteiligen sich am Aufbau der Gewerkschaften und der Sozialistischen Arbeiterpartei und der anarchistischen Bewegung, die allerdings von vielen Amerikanern abgelehnt werden. Am 4.Mai 1886 demonstrieren auf dem Heumarkt von Chicago streikende Arbeiter für den 8-Stundentag. Die Polizei kommt, schießt und tötet dabei zwei Arbeiter. Als die Versammlung auseinandergeht, explodiert eine Bombe unter den Polizisten und tötet einige von ihnen, keiner weiß bis heute, wer sie geworfen hat. Sechs Einwanderer, die bei der Demonstration Reden gehalten haben, verurteilt ein Gericht zum Tode, unter ihnen sind fünf Deutsche. Dass sie nach der Hinrichtung begnadigt werden, macht sie nicht wieder lebendig.

Da nur noch wenige aus der alten Heimat nachkommen und diejenigen, die schon da sind und deren Kinder mehr und mehr in die amerikanische Gesellschaft eingeschmolzen werden, verblüht das deutsche Leben in Amerika. Deutsche Zeitungen finden immer weniger Käufer, und in der Kirche und in den Vereinen übernimmt die englische Sprache den Platz der deutschen.

Die Regierung des Dominions Kanada sieht gerne deutsche Einwanderer, sie wirbt in aller Welt um deutsche Siedler. Aus Deutschland selbst kommen die wenigsten, etwa die Hälfte kommt aus dem Zarenreich und der Rest aus den USA, und wieder sind Mennoniten die ersten. Die Regierung hilft großzügig mit Reisevorschüssen und stellt ihnen in den jetzt durch die Canadian Pacific-Eisenbahn erschlossenen Westprovinzen reichlich Land zur Verfügung. Nicht wenige finden wir auch in den Armenvierteln der Städte des Westens. So gut leben Englisch- und Deutschsprachige zusammen, dass sie bis 1914 gemeinsam die Geburtstage der Herrscher Englands und Deutschlands feiern.

Als der erste Weltkrieg beginnt, treten die Deutsch-Amerikaner zunächst für eine strenge Neutralität der USA ein. Doch mit dem Beginn des deutschen U-Boot¬krieges und als dabei amerikanische Bürger ihr Leben verlieren, wird auch die Stimmung in den USA immer deutschfeindlicher. Alles, was deutsch ist, wird geächtet und verfolgt, Menschen verletzt, ja es gibt Tote. Sogar friedfertige Mennoniten müssen darunter leiden, wegen ihrer immer noch engen Bindung an die deutsche Sprache. Einige werden, trotz dem Schutz durch das Gesetz, eingezogen und von ihren Vorgesetzten so misshandelt, dass sie sterben. Einige ihrer Kirchen werden gelb angestrichen, einige ihrer Prediger geteert und gefedert, einer sogar vom Mob an einem Telefonmast aufgehängt und erst im letzten Moment gerettet. Viele verbergen von nun an ihre deutsche Herkunft.

Kurze, aber weniger bedeutende Auswanderungswellen gab es dann noch nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg.
Im nächsten - und letzten - Blog erfahrt ihr dann noch einiges über die deutsche Auswanderung nach Südamerika und Australien. Bis dahin kann es aber noch eine Weile dauern, weil ich für eineinhalb Monate verreise. Wer nicht so lange warten will, kann ja schon mal in meinem Buch „Bauer Bürger Arbeitsmann“ auf den Seiten 600 und 601 nachlesen.

Kommentare (2) Trackbacks (1)
  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich stosse bei meinen Nachforschungen immer wieder auf Vorfahren in den engeren Familienlinien und den etwas weiter entfernten, welche aus dem heutigen Baden-Wuerttemberg und Rheinland-Pfalz nach 'Amerika' ausgewandert sind.
    Dass sich dabei auch immer wieder neue Kontakte ergeben, macht die Sache nur noch spannender.
  2. Wolfgang Panzer,habe ev verwandtenüber Facebook gefunden
    Mrs. Panzer Lyssy i Maryland mit3 Kindern
    Email:karlpanzer@gmx.at

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