Gastbeitrag: Gute Hilfe in Polen bei der Suche nach Kriegsgrab von 1914

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Dieser Beitrag wurde von unserem Nutzer Hans-Peter Geis verfasst. Er schreibt über die Suche nach seinem im ersten Weltkrieg vermissten Onkel Franz Geis. Viel Spaß beim Lesen!

Franz Geis war der ältere Bruder meines Vaters. Ich kannte seine Eltern und drei seiner Geschwister, und in deren Erinnerung war er höchst lebendig. Über ihn wurde immer wieder geredet.

Geboren wurde er am 9.10.1884 in Wiesbaden als 3.Kind von Johann Moritz und Franziska Geis, getauft auf den Namen Franz Theodor. Über seine Jugend, darunter Schulgang, weiß ich nichts. Ich meine, es sei die Rede von einer Ausbildung als Bäcker u./o. Konditor gewesen und aus dem Grund sei er nach Berlin bzw. Velten gegangen. Es wirkte auf mich, als ob sein Vater damit nicht so recht einverstanden gewesen sei. Ich hatte so etwas den Eindruck von einem verlorenen Sohn.

In Berlin heiratet er Luise Stave. 1908 wird eine Tochter, 1910 ein Sohn geboren.

Anfang des 1.Weltkrieges – da ist er 29 – meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Er wird beim Berliner 2.Garde-Reserve-Regiment, 8.Kompanie, eingestellt. In der Uniform hat er sich fotografieren lassen. Das Bild zeigt ihn als einfachen Soldaten, er hatte also offenbar vorher noch keinen Militärdienst geleistet.

Grenadier Franz Geis. Berlin 1914.
Grenadier Franz Geis. Berlin 1914.

Nach der Schrift „Ruhmeshalle unserer alten Armeen“ wurde die 1.Garde-Reserve-Division, zu der das 2. Regiment gehörte, im Zeitraum 26.8.- 3.9.14 in den Osten transportiert. Bis Anfang Oktober ist die Division im Raum Masuren, dann erscheint sie bei Tschenstochau, von wo aus sie sich offenbar Richtung Norden bewegt.

Laut der 120. Verlustliste, veröffentlicht in einer Wiebadener Zeitung, befand das Regiment sich ab dem 27.11.1914 im Bereich der Gemeinde Belchatow, vom 4. bis 6.12. dann bei der Ortschaft Bogdanow. Die Gegend gehörte damals zum Russischen Reich, heute zu Polen. Sie liegt ca. 40km südlich von Lodz.

In einer persönlichen Nachricht an Luise Geis vom 17.12.1914 heißt es, dass Franz Geis am 6.12. leicht verwundet wurde – später schreibt ihr Franz’ Mutter, sie hätten vom Kriegsm(inisterium?) die Nachricht erhalten, er sei „am 6.12. infolge Gewehrgeschoßes am r. Knie bei Bogdanow leicht verwundet worden u. sei seit dieser Zeit vermisst“.

Mündlich wurde mir in den 30iger Jahren berichtet, ein Kamerad habe sich angeboten, Franz Geis zum Verbandsplatz zu begleiten, der meinte jedoch, das sei nicht nötig und sei alleine gegangen. Offensichtlich ist er dort nicht angekommen, denn seither gibt es von ihm kein Lebenszeichen.

Da ich mich viel mit den Angehörigen der Familie beschäftigt habe, wandte ich mich im September 1999 an den Volksbund, um zu erfahren, ob es dort Unterlagen über Franz Geis gibt. Dort wurde kein Hinweis auf ein Grab gefunden. 2010 bekam ich dann von anderer Seite einen Hinweis auf eine mögliche Grablage. Darauf nahm ich erneut Kontakt mit dem Volksbund auf. Nach einem ersten negativen Ergebnis bekam ich von ihm am 5.4.2011 die Mitteilung, dass sich „an der Grenze der Gemeinden Belchatow und Wola Krzystoporska, in der Nähe eines Denkmales, das an die Kämpfe aus dem Jahr 1939 erinnert“ eine Kriegsgräberstätte des I.Weltkrieges befinden soll.

Sofort entstand mein Wunsch, diese Kriegsgräberstätte zu besuchen. Aber wie sollte ich da hin kommen – nicht mehr ganz jung und kein Wort Polnisch sprechend. Schließlich wandte ich mich wieder an den Volksbund. Der Leiter des Umbettungsdienstes in Ost- und Südosteuropa empfahl mich an Herrn Milak, der u.a. große Teile der Umbettungen in Polen leitet. Er spricht gut Deutsch.

Mit ihm wurde ich schnell einig, dass ich vom 23. bis 25.8.2016 zu einem Besuch kommen konnte. Er besorgte mir eine Unterkunft, empfing mich am Bahnhof Zdunska Wola und war den ganzen 24.August mit Auto mit mir zusammen unterwegs. In Belchatow stieß der 2.Bürgermeister der Gemeinde zu uns. Er ist ein promovierter Historiker mit dem Fachgebiet 1.Weltkrieg. Er zeigte uns die Stellen, wo Franz Geis’ Einheit in den letzten Tagen vor dessen Verschwinden in Kämpfen gegen russische Truppen eingesetzt war.

Zuerst besuchten wir den Gutshof, auf dem am 4. und 5. Dezember gekämpft wurde. Eine Inschrift auf Polnisch auf einem der Gebäude berichtet über diese Kämpfe (ist allerdings recht verwittert und schwer zu lesen). Es ging dann weiter zu einer Straßenkreuzung in den Feldern von Bogdanow ca. 1 km weiter östlich, wo die Kämpfe des 6.Dezember stattfanden und wo Franz Geis verwundet wurde. Eine Straße führt von dort in Richtung Süden zur Kirche von Bogdanow, an deren Stelle damals der Verbandsplatz lag. Auf dieser Straße muss er unterwegs gewesen sein, als er verschwand.

Der Gutshof Dobiecin, auf dem die Einheit von Franz Geis am 4. und 5. Dezember 1914 gegen russische Truppen kämpfte.
Der Gutshof Dobiecin, auf dem die Einheit von Franz Geis am 4. und 5. Dezember 1914 gegen russische Truppen kämpfte.
Inschrift an einem der Gebäude des Hofes, die auf Polnisch von den Kämpfen am 4. und 5.Dezember berichtet.
Inschrift an einem der Gebäude des Hofes, die auf Polnisch von den Kämpfen am 4. und 5.Dezember berichtet.
Auf den Feldern hinter dem Gebüsch im Vordergrund wurde am 6.Dezember 1914 gekämpft. Hier muss Franz Geis an diesem Tag verwundet worden sein. Bei der Baumgruppe am Horizont soll das erste Sammelgrab für gefallene Soldaten gelegen haben.
Auf den Feldern hinter dem Gebüsch im Vordergrund wurde am 6.Dezember 1914
gekämpft. Hier muss Franz Geis an diesem Tag verwundet worden sein. Bei der
Baumgruppe am Horizont soll das erste Sammelgrab für gefallene Soldaten
gelegen haben.

Warum er verschwand – das bleibt ein Mysterium. Blieb er unterwegs liegen, weil er seine Kräfte überschätzt hatte? Hatte es mit dem Wetter zu tun, es war ja Anfang Dezember? Sind ihm russische Soldaten begegnet – es wurde von umstreifenden berittenen Kosaken berichtet, die ihn gefangen nahmen oder töteten? Auf jeden Fall hat er den Krieg nicht überlebt.

Wenn er unterwegs zum Verbandsplatz umgekommen ist, muss er auf dem Weg dorthin irgendwo gelegen haben. Und wenn er keine Erkennungsmarke hatte und er von Leuten gefunden wurde, die ihn nicht kannten, dann ist er auf diese Weise ein „unbekannter Soldat“ geworden.

Gefunden worden ist er sicher, die Gegend war ja besiedelt. Nach dem Ende der Kämpfe 1915 wurden alle dortigen Gefallenen in einem Friedhof ca. 1 km östlich der Kampfplätze des 6.Dezember zusammen gelegt, unter ihnen eine ganze Reihe von „unbekannten Soldaten“. Herr Dr. Politanski hatte Unterlagen über jeden der namentlich bekannten Gefallenen, die damals beigesetzt wurden. Franz Geis war nicht darunter.

Später errichtete die österreichisch-ungarische Armee in der Nähe, im Wald zwischen Belchatow und Wola Krzystoporska, den Sammelfriedhof Borowa, auf dem deren Gefallene neben 20-30 Einzelgräbern in drei hügelförmigen Massengräbern bestattet sind. Auf diesen Friedhof wurden auch die gefallenen deutschen Soldaten aus dem oben genannten Sammelgrab umgebettet. Sie liegen unter einem vierten Hügel am hinteren Ende der Grabanlage. Auf dem Hügel steht ein Grabstein mit der polnischen Inschrift „Sammelgrab. 118 Soldaten der deutschen Armee“. Wie man auf den Bildern sieht, ist der Friedhof in sehr gutem Zustand.

Vorne ein hügelförmiges Gemeinschaftsgrab, umgeben von Einzelgräbern, dahinter zwei weitere Sammelgräber, alles für Österreicher. Ganz hinten das Gemeinschafts- grab der deutschen Gefallenen.
Vorne ein hügelförmiges Gemeinschaftsgrab, umgeben von Einzelgräbern, dahinter
zwei weitere Sammelgräber, alles für Österreicher. Ganz hinten das Gemeinschafts-
grab der deutschen Gefallenen.
Das Sammelgrab für deutsche Gefallene.
Das Sammelgrab für deutsche Gefallene.
Aufsicht auf das Sammelgrab, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach auch Franz Geis seine letzte Ruhe gefunden hat.
Aufsicht auf das Sammelgrab, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach auch
Franz Geis seine letzte Ruhe gefunden hat.
Grabstein auf dem Sammelgrab der deutschen Gefallenen. Die Aufschrift auf dem Grabstein bedeutet „Sammelgrab - 118 Soldaten der deutschen Armee“.
Grabstein auf dem Sammelgrab der deutschen Gefallenen. Die Aufschrift auf dem
Grabstein bedeutet „Sammelgrab – 118 Soldaten der deutschen Armee“.

Ich war 7 Jahre alt als meine Großmutter starb. Die Sorge um ihren Sohn Franz ist mir so stark in der Erinnerung geblieben, dass ich auf meine alten Tage versuchen wollte, etwas mehr über ihn herauszufinden. Dank der Hilfe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge kann ich jetzt sagen, dass er höchstwahrscheinlich sein Grab auf dem Soldatenfriedhof Borowa gefunden hat.

Vor allem gilt mein Dank Herrn Maciej Milak, der mit Hilfe von Dr.Politanski die Orte ausfindig gemacht hat, an denen Franz Geis sich zuletzt aufgehalten hat und wo er wohl nun ruht. Er hat mich auch etwas in seine tägliche Arbeit – der Suche nach Gräbern deutscher Soldaten des 2. Weltkrieges – eingeführt. Ich bin sehr beeindruckt von Herrn Milaks Arbeit für das Auffinden dieser Gräber und von der Unterstützung und Sympathie, auf die er dabei in der Bevölkerung trifft. Auf mich wirkt es, als interessiere das Schicksal der deutschen Soldaten die Menschen in Polen mehr als die Menschen in Deutschland. So kann ich ihm und dem Volksbund nur alles Gute für die Weiterarbeit wünschen.

Der Historiker und 2.Bürgermeister von Belchatow Dr.Politanski (links) und Herr Maciej Milak.
Der Historiker und 2.Bürgermeister von Belchatow Dr.Politanski (links) und Herr
Maciej Milak.

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  • Cyron Richard


    13. Dezember 2016

    Mein Großvater Franz Cyron ist auch in die Russische Gefangschaft geraten in der Gegent , aber mit hilfe der Rekrutierung/Werbung, in die Kavalerie auf die Krim verlegt, zur Ausbildung der Kavalerie von Bolschevicken.Die Erzehlungen vom Franz Cyron wurden Beschlagnamt 1947 und in die Verbotne Liste gesetzt….!?!