In Deutschland auf den Spuren eines französischen Kriegsgefangenen

In Deutschland auf den Spuren eines französischen Kriegsgefangenen

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Dieser Blogbeitrag wurde in unserem französischsprachigen Blog von meiner Kollegin Elisabeth veröffentlicht. Heute gibt es die Übersetzung dazu, da dieser mit Sicherheit auch für alle deutschsprachigen Leser von Interesse ist. Viel Spaß!

Ich habe lange gehofft die deutsche Familie, die das Leben meines Großvaters so sehr beeinflusst hat, zu finden. Ich habe Roger Dubuc, meinen Großvater mütterlicherseits, nicht kennengelernt. Als ich gerade mal vier Monate alt war, ist er leider von uns gegangen.

Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann ich seine Geschichte zum ersten Mal gehört habe, aber es entwickelte sich zu einem Geheimnis, welches ich lösen musste.

Die Geschichte begann wie die von vielen anderen französischen Soldaten.

Mein Großvater (links) und die deutsche Familie, die ich schließlich in Sandstedt gefunden habe.

Roger wurde in Vannes am 22. Juni 1940 gefangen genommen, ohne gekämpft zu haben. Er war 20 Jahre alt. Als er französischen Boden verlassen hatte, hätte er sich mit Sicherheit nicht vorstellen können, dass er erst fünf lange Jahre später zurückkehren würde. Sein Vater Léon ist auch ein Kriegsgefangener in Deutschland (auf Französisch) gewesen, kehrte aber nach 7 Monaten zurück. Der Vater wurde zum Ende des Ersten Weltkrieges gefangen genommen, der Sohn am Anfang des Zweiten.

Das einzige was ich wusste war, dass Roger, wie Tausende andere, die nach Deutschland geschickt worden sind, für eine deutsche Familie gearbeitet hat, mit denen er sein Leben lang über Briefe in Kontakt gewesen ist. Aber leider haben diese Briefe nicht „überlebt“ (was ist mit den Briefen passiert? Hat er diese zerstört?). Bilder, Bücher (um Deutsch und Englisch zu lernen) und alte deutsche Banknoten sind geblieben…

Auf der Rückseite der Fotos fand ich die Angabe des Stalag XB und die Anzahl der Gefangenen, so konnte ich meine Suche starten. Eine Suche im Internet Ende 2003 erlaubte mir Stalag zu finden. Zum Glück existierte das Studienzentrum auf dem Lager noch. Ich schrieb eine E-Mail, um mehr Informationen über Roger zu erhalten. Die Antwort brachte mir eine wertvolle Spur, den Namen eines Dorfes: Sandstedt.

Aber ich kümmerte mich nicht mehr um diese Information. Erst im Jahre 2012 habe ich die Suche nach der verlorenen Familie wieder aufgenommen. Ich schrieb hier einen Blogbeitrag über meine Familiengeschichte. Meine deutsche Kollegin Silvia (ich kann ihr nicht genug danken) übersetzte meinen Beitrag und veröffentlichte ihn im deutschen MyHeritage Blog. Das Ganze ist im Mai 2012 gewesen und erst im November 2013 erhielt ich die Antwort meines Lebens… Man darf einfach nicht verzweifeln, man muss geduldig sein… und Glück haben!

Was an diesem November-Tag passiert ist? Karla, eine deutsche Nutzerin von MyHeritage, die auf der Suche nach alten Fotos von Sandstedt war, las meinen, ins Deutsche übersetzten Beitrag und schrieb ein Kommentar. Sie schrieb, dass sie in Sandstedt lebe und dass sie die Familie auf dem Bild kenne. Der Moment an dem Silvia mir das mitteilte: ich hatte überall Gänsehaut. Und jedes Mal wenn ich daran denke, kann ich es immer noch nicht glauben. Eine zweite Nachricht folgte schnell, mit dem Namen des jungen Mädchens und des kleinen Jungen, die auf dem Bild zu sehen waren. Nach all diesen Jahren hatten diese Gesichter Namen: Hans Adolf und Elfriede. Danke Karla!

Roger und Hans-Adolf

Die Brieffreundschaft zwischen Roger und Elfriede ist mit großen Emotionen verbunden. Meine Mutter wusste, dass das Mädchen auf dem Foto ein Kleidchen zu ihrer Geburt geschickt hatte, aber sie hatte nichts mehr über sie erfahren.

Diese Korrespondenz dauerte 22 Monate, in denen ich alle Fragen, die lange in meinem Kopf schwelgten, stellen konnte. Ich erhielt nicht alle Antworten, aber Elfriede, die 84 Jahre alt ist, gab sich viel Mühe die Erinnerung an Roger wieder zum Leben zu erwecken.

In dieser Familie, die im Februar 1945 einen 19-jährigen Sohn (Heinz, der älteste Bruder von Elfriede) verlor, wurde Roger, der französische Gefangene, wie ein Sohn behandelt. Elfriede hat mir gesagt, dass er es geliebt hat in der Weser zu schwimmen und zu angeln. Er liebte den Neukuchen, der für das neue Jahr vorbereitet wurde. Er lernte Deutsch und sprach die Sprache schließlich fast fehlerfrei.

Im Juli 2015, fünf Wochen nach der Geburt meiner Tochter (wie verrückt ich war, da ich mich von der Geburt noch nicht vollständig erholt hatte und die Nächte sehr kurz waren), bin ich mit meiner Mutter und meinem Baby ins Flugzeug gestiegen und wir haben uns auf den Weg in Rogers Vergangenheit gemacht. Seine Tochter, seine Enkelin und seine Ur-Enkelin waren auf dem Weg den Teil seines Lebens zu entdecken, der ihm so wichtig gewesen ist.

Mit Elfriede

Trotz der Tatsache, dass der Briefwechsel zwischen Elfriede und mir immer sehr herzlich war, waren meine Mutter und und ich ein wenig besorgt. Wie würden wir von der Familie aufgenommen werden? Wo würden wir den Rest der Woche verbringen? Der Empfang hat all unsere Erwartungen übertroffen. Die erste angenehme Überraschung: als wir am Flughafen Bremen ankamen, wartete Dieter, der Sohn von Elfriede, mit seinem Wohnmobil auf uns. Und ich war vorher in Sorge und fragte mich, ob sein Wagen groß genug wäre, um uns, inklusive Gepäck und Kinderwagen, mitzunehmen! Wir wurden mit offenen Armen empfangen und von Dieter und Maria, seiner Frau, verwöhnt.

Maria, Dieter, meine Mutter und ich schauen uns Fotos an. (Foto von Otto Baur)
Meine Mutter und Hans-Adolf in seinem Unternehmen, in dem mein Großvater gearbeitet hatte. Er war 9 Jahre alt, als Roger zurück nach Frankreich kehrte.
Roger assis dans le même jardin
Roger damals - sitzt im gleichen Garten.

Wir haben eine unvergessliche Woche verbracht, im Ort, in dem Roger während des Krieges gelebt hatte. Sandstedt ist ein charmantes kleines Dorf in Niedersachsen, knapp 40 Kilometer von Bremen entfernt.

Der verdrehte Turm der St.-Johannes-Kirche in Sandstedt.

Ich war ein wenig enttäuscht keinen deutschen Vetter zu finden. Aber es wäre für Elfriede natürlich sehr gefährlich gewesen, eine Beziehung mit einem deutschen Häftling gehabt zu haben. Schade! Ich hätte nämlich sehr gerne einen deutschen Zweig zu meinem Stammbaum hinzugefügt.

Sandstedt, der Ort an dem mein Großvater mehrere Jahre seines Lebens verbrachte.

In meiner Familie wurde gesagt, dass Elfriede für Roger jemand ganz besonderes war. Sie wich aber meiner Frage aus, sobald ich sie darauf ansprach.

Ein Highlight unserer Reise war eine große Überraschung für meine Mutter und mich. Ein Nachbar, Johan, brachte die Zeitung vorbei. Sie erklärten ihm, wer wir waren. Er blieb zunächst sprachlos, in der Vergangenheit stehengeblieben… Dann fing er an zu erzählten, es war der 11. September 1942. Er war 11 Jahre alt. Er hat in einem Feld gearbeitet, als sich ein Unfall ereignete, der seine Wade fast vollständig durchtrennte. Es war Roger, der ihn rettete, sagte er, er handelte umgehend. Nun waren wir sprachlos. Er küsste meine Mutter und mich und war sehr glücklich. Außerdem zeigte er uns die Narbe in seiner Wade.

Die Kriegsgefangenen von Sandstedt schliefen in der Nähe dieses Bauernhofes.
Mit Silvia und Karen, meinen deutschen Kolleginnen, in Sandstedt

Natürlich fuhren wir auch nach Sandbostel, etwa sechzig Kilometer von Sandstedt entfernt. Ich weiß nicht, wie lange Roger in dieses Lager verbracht hat, bevor sie ihn nach Sandstedt zu einem Bauernhof gesendet haben. Sicher ist, dass er Glück gehabt hat, nicht lange an dieser Stelle geblieben worden zu sein, dem Ort, der für viele mit dem Tod endete. Der Besuch war sehr emotional; während ich mit dem Kinderwagen, mit meiner Tochter, auf dem Gelände spazieren ging. Sehr emotional auch für meine Mutter. Tausende von Gefangenen starben dort an Hunger, Krankheiten oder von ihren deutschen Gefängniswärtern getötet.

Wir wurden von Andreas Ehresmann, dem Direktor der Gedenkstätte Lager Sandbostel herzlich begrüßt. Unser Besuch wurde ihm bereits vorher angekündigt.

Ankunft in der Gedenkstätte Sandbostel.

Das Lager Sandbostel heute.
Stalag XB. Meine Tochter schlief friedlich während des gesamten Besuches.
Im Lager Sandbostel.

Wir sind eine Woche in Sandstedt gewesen, vom 3. bis zum 10. Juli 2015. Um eine weitere Schleife zu vervollständigen, kamen Dieter und Maria vor 3 Tagen, am 2. Juli 2016, in meine Heimatstadt (und die meines Großvaters und meiner Mutter) an. In unseren Adern fließt zwar nicht das gleiche Blut, aber das Gefühl ist da: sie sind meine deutsche Familie.

Ich möchte Silvia, meiner deutschen Kollegin, nochmals danken, die nicht nur meinen Beitrag ins Deutsche übersetzt hat, sondern auch über zwei Jahre als Dolmetscherin diente und die Korrespondenz mit Elfriede um einiges erleichterte.

Mit meiner Kollegin Silvia vor dem Bauernhof.

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  • Albrecht Kauschat


    8. Juli 2016

    Sehr bewegende Familiengeschichte und ein Trost in schwierigen Zeiten: Menschlichkeit überwindet scheinbare Grenzen! – Ich bin dankbar, dass wir seit 70 Jahren Frieden in unserem Teil Europas haben und in einem Europa der Nachbarn leben dürfen! Möge das unseren Kindern und Enkeln auch so erhalten bleiben!

  • Nikolai Stovbun


    12. Juli 2016

    Mein Onkel auch wurde Ende 1943 aus der Ukraine nach Deutschland geschickt. Er arbeitete in einer Bauernfamilie. Er war 18 Jahre alt. Mir ist nur Benennung des Dorfes bekannt… Womit muss ich anfangen?

  • Marlitta H. Perkins


    12. Juli 2016

    Meine Familie lebte in Schiffdorf in der Naehe von Bremerhaven. Meine Mutter sagte das dort auch zwei Gefangenen Lager waren, eins fuer Maenner und das andere fuer Frauen. Ein franzoesischer Kriegsgefangener von Paris (ein Dachdecker) arbeitete fuer meine Grossmutter die einen Bauernhof hatte. Er war auch ein Teil der Familie und nach dem Krieg besuchte er sie jedes Jahr. Wo kann ich mehr Information fuer dieses Lage finden?

  • Jörg Schönrock


    22. September 2016

    Eine sehr schöne Geschichte !
    Auch mein Opa war als Kriegsgefangener ab 1945 – 1947 bei einem Bauern in Südfrankreich . Er Erzählte noch oft und lange von seinem Leben und auch über die Behandlung durch die dortige Bevölkerung. Auch habe ich noch einige Kopien von den Briefen , die der Bauer in seinem gebrochenem Deutsch an meine Oma in Mecklenburg schrieb , da Opa als Gefangener nicht schreiben durfte.

  • Ingrid Teresa Sykora


    22. September 2016

    Ich habe mit Freude die Geschichte von Roger Dubuk gelesen. Sie zeigt mir, dass Menschen auch Frieden in sich tragen können. Ich selbst bin ein Kind von einem Italienischen/Österreichischen Soldaten. Ich habe meinen Vater kennengelernt aber leider die Familie nicht, die überwiegend in Italien und Kroatien lebt. Schade, ich hätte auch gerne mehr über die erfahren, denn sie sind ja auch meine Wurzeln. Danke für diesen Bericht. Schön zu sehen, wie Menschen auch sein können. Ingrid Sykora

  • Regina Haase


    24. September 2016

    Diese Geschichte ist rührend und erinnert mich an eine Geschichte, die mir meine Mutter erzählt hat. Ein französicher Kriegsgefangener war im 2. Weltkrieg zur Hilfe für den Betrieb der kleinen Bäckerei in St. Michaelisdonn (Dithmarschen, Schleswig-Holstein) der Familie der Schwester meiner Oma zugeteilt worden, da der Ehemann der Schwester als Soldat im Krieg diente. Meine Mutter sagte immer, ohne diesen Kriegsgefangenen hätte ihre Tante mit ihren zwei kleinen Kindern den Betrieb der Bäckerei nicht aufrechterhalten können. Nach dem Krieg galt der Ehemann als vermisst und der französiche Kriegsgefangene blieb. Erst unter Adenauer kam in den 1950ern der Ehemann schwer krank doch noch aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Der Franzose ging nach Frankreich zurück. Meine Großtante und mein Großonkel sind inzwischen in hohen Alter verstorben. Nach meinem Kenntnisstand gab es dananch keinen Kontakt zu dem ehemaligem französischen Kriegsgefangenem.
    Ich habe mich immer gefragt, was wäre passiert, wenn mein Großonkel nicht doch noch aus Russland zurückgekommen wäre?

  • Rico Höfer


    25. September 2016

    Diese Geschichte erinnerte mich, als ich mit 9 Jahren bei Oma und Opa war und so im Juni/Juli 1941 jeweils morgens eine größere Gruppe französ. Gefangener unter Bewachung in Solingen über die Donaustraße in langer Kolonne geführt wurde. Ab und zu beugte sich einer nach unten, um einen Zigarettenstummel aufzuheben. Da habe ich dann meiner Oma ein angefangenes Päckchen „Sondermischung“ geklaut und
    in die Kolonne geworfen.

  • Frank Eckhart Krauss


    26. September 2016

    Im Mai 1918 wurde mein Großvater Wilhelm Krauß während der sognenannten Michael-Offensive schwer verwundet. Die GArbe eines französischen Maschinengewehrs wahr druch seine Beine gefahren. In einem Granattrichter blieb er liegen. Der junge deutsche Leutnant, dessen blödsinnige Entschlossenheit zu diesem Desaster geführt hatte,ließ ihn liegen und floh. Wenig später ging dieser Frontabschnitt an die Franzosen, die Deutschen zogen sich zurück, so weit, dass ein deutsches Frontlazarett ebenfalls unter französischen Einfluss geriet.
    Es waren französische Soldaten, die das Leben meines Großvaters retteten, indem sie ihn bargen, seine Wunden versorgten und ihn unter Beschuß zu dem deutschen Feldlazarett brachten. Für 1918 ist diese Geschichte ein kleines Wunder, und es ist ein Beispiel für die Überlebenskraft der Menschlichkeit auch in finstersten Epochen.
    Da wir Bayern sind, galt die Propagandalüge der deutsch-französischen Erbfeindschaft nie. Zu oft waren Bayern und Franzosen Verbündete, öfter und natürlicher als Bayern und Preußen. Aber der Mai 1918 machte uns vollends zu Francophilen. 1958, mein Vater war Leiter eines staatlichen Schülerheims, setzte er alle Hebel in Bewegung, den vermutlich ersten französischen Austauschlehrer in Bayern an seine Schule zu bekommen, fünf Jahre vor dem Elyséevertrag. M.Martin und ich wurden Freunde. Er ist die pädagogische Ursache dafür, dass ich beinahe akzentfrei Französisch spreche (hätte ich nur etwas mehr Übung).
    2016 schließlich wurden wir vollends zu einer deutsch-französischen Familie. Unser Zweitgebohrener Sohn, Alexander, heiratete Madmoiselle Aurélie Combaud in Clermont Ferrand.
    Ein Tag, an dem mir das lächelnde Gesicht meines Vaters im Traum erschien, er starb schon 1992.