19    Nov 20130 Kommentare

Interview mit Andreas Böttcher

Es ist schon etwas länger her, dass wir in unserem Blog einen Beitrag für unsere Interviewreihe veröffentlich haben. Heute ist es allerdings soweit! Wir haben mit Herrn Andreas Böttcher - Gründer der Seite der-familienstammbaum.de - gesprochen und möchten euch das Interview nicht vorenthalten. :)

Andreas Böttcher wurde am 15.2.1964 in Brunsbüttelkoog in Dithmarschen/Schleswig-Holstein geboren. Er ist gelernter Schriftsetzer - ein Handwerk, das mittlerweile im Berufsbild des Mediengestalters aufgegangen ist - und arbeitet in der Vorstufe einer Verpackungsdruckerei. Er ist verheiratet, hat einen Sohn (21) und eine Tochter (18). Neben dem Hobby der Ahnenforschung betreibt er mehrere Webseiten, u.a. auch für den Verein Ostpommern e.V., in dem er Mitglied ist. Er ist sehr naturverbunden und seit einigen Jahren Vegetarier.

MH: Wie ist Ihr Interesse für Ahnenforschung entstanden? Und was fasziniert Sie daran?

AB: Wie viele andere Ahnenforscher bin auch ich relativ spät auf dieses Hobby gestoßen. Ich war 28, als mein Vater 1992 sehr jung starb. Und mir wurde plötzlich bewusst, wie wenig ich eigentlich von seiner Vergangenheit wusste. So viele Fragen, die ich an ihn hatte, konnte ich nun nicht mehr stellen. Mir war nicht mehr bekannt als dass er 1944 in Pommern geboren wurde und seine Eltern ein Jahr später mit ihm im Kinderwagen über die Ostsee flüchteten. Unglücklicherweise brach nach seinem Tod auch der Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern ab, sodass ich hier vorläufig nichts mehr erfahren konnte. Der Drang, mehr über meine Ahnen zu erfahren sowie die Erkenntnis, dass Informationen nicht unendlich lange zur Verfügung stehen, waren dann irgendwann der Auslöser, meinen Stammbaum systematisch zu erforschen. Der Sinn der Ahnenforschung besteht für mich persönlich darin, nicht bloß möglichst viele Namen zusammenzutragen. Hinter Buchstaben und Zahlen verbergen sich immer Menschen und Geschichten, und das ist das eigentlich Interessante für mich. Und es ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit - auch der eigenen -, die mich zunehmend beschäftigt und schließlich inspirierte, hierüber eine Homepage zu erstellen.

MH: Bis ins wievielte Jahrhundert reicht Ihre Forschung und was war Ihr schönstes Ahnenforschungs-Erlebnis?

AB: Am weitesten zurückverfolgen kann ich den Zweig der Familie Hadenfeldt. Mein Urahn Clas Hadenfeldt wurde 1550 in Beringstedt geboren, das nahe dem kleinen Dorf Hadenfeld liegt. Hieraus resultiert vermutlich der Familienname. Bei meiner Forschung kam mir der Zufall zu Hilfe. Es kontaktierte mich über meine Homepage irgendwann ein gemeinsamer Nachfahre und erzählte, dass er eine gebundene Familienchronik im Besitz hätte, die ein verwandter Ahnenforscher vor fast hundert Jahren erstellt hatte. Dieses Werk stellte er mir dann zur Verfügung, eine wahre Fundgrube. Das war schon wirklich toll.

MH: Arbeiten Sie an Ihrem Stammbaum gemeinsam mit Familienangehörigen oder alleine? Wenn gemeinsam, mit wie vielen Personen?

AB: Den Stammbaum bearbeite ich seit jeher allein. Als ich damals anfing, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, nahm ich mit vielen, auch unbekannten und weiter entfernten Verwandten Kontakt auf, um Informationen zu sammeln. Das Interesse war zunächst da, ebbte aber schnell wieder ab. Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht, dass die Ahnenforschung für die meisten Menschen ein totes Hobby ist und dass das Interesse an der eigenen Herkunft nicht sehr groß ist. Das finde ich sehr schade.

MH: Was haben Sie über Ihre Familiengeschichte spannendes herausgefunden?

AB: Da gibt es drei erwähnenswerte Dinge. Der mütterliche Zweig stammt ausnahmslos aus dem Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein. Im Grunde spielte sich alles mehr oder weniger um meinen Geburtsort Brunsbüttelkoog ab. In diesem Zusammenhang erfuhr ich, dass das dortige Traditions-Hotel "Zur Traube" eine lange und bewegte Geschichte hat und sich mehrere Generationen lang als Gastwirtschaft mit Tanzsaal in unserem Familienbesitz befand, bis sie 1894 den Besitzer wechselte.

Neben Hamburg und Glückstadt fuhr man Mitte des 19. Jhd. für kurze Zeit auch von Brunsbüttel aus auf Grönlandfahrt, um Walfang zu betreiben. Eines der wenigen Schiffe hieß "Einigkeit von Brunsbüttel". Ich erfuhr, dass mein Urahn Harder Detlef Petersen (geb. 1773) der Miteigentümer des Schiffes  war, hierüber gibt es viele Aufzeichnungen. Er wurde in der Familie damals "der Seefahrer" genannt, das ist überliefert.

Mein Urahn Harder Detlef Petersen

Die schönste Begebenheit im Zusammenhang mit meiner Ahnenforschung war aber die Wieder-Zusammenführung unserer Familie mit den Geschwistern meines Vaters, die Eltern waren mittlerweile verstorben. Als ich 2005 wegen der Erstellung der Homepage die vielen Verwandten kontaktierte, holte mich ein altes Problem wieder ein. Ich hatte zu den noch lebenden Geschwistern meines Vaters keinen Kontakt mehr, den Grund wusste niemand so richtig. Es hing wohl mit dem Verhältnis meiner Mutter zur Mutter meines Vaters zusammen. Da lag einiges im Argen. Jedenfalls nahm ich mir ein Herz und den Telefonhörer in die Hand und machte den ersten Schritt. Es folgte ein wunderschönes Telefongespräch mit dem Resultat, dass wir bis heute ein sehr herzliches Verhältnis zueinander haben und uns regelmäßig treffen. Und um noch eins draufzusetzen, geschah eines Tages folgendes: Die Schwester meines Vaters holte bei einem Treffen ein vergilbtes Stück Packpapier hervor und übergab es mir. Es war ein handgeschriebener Stammbaum der Ahnen meines Vaters, den sie in den Unterlagen ihrer Mutter fand! Von wem er mal verfasst wurde, wusste keiner. Aber er war mir eine sehr große Hilfe, das schwierige Puzzle meiner pommerschen Wurzeln zu ergänzen.

Die Familie meines Vaters (2. v. l.) floh 1945 aus Pommern. Hier Weihnachten in der neuen Heimat Brunsbüttel.

MH: Sie haben die Webseite der-familienstammbaum.de gegründet. Seit wann gibt es die Seite und wie sind Sie dazu gekommen diese zu erstellen?

AB: Meine Großtante, die selbst Ahnenforschung betrieb und mir mit ihren Daten einen großen Grundstock lieferte, kopierte in größeren Zeitabständen ihre handgeschriebenen Forschungsergebnisse und gab sie an die engeren Verwandten weiter. Das Material war zwar interessant, aber es lies sich schlecht lesen, strukturiert war es natürlich auch nicht so recht, und schnell (und oft ungelesen) landete das Werk dann in einer Schublade und verstaubte.

Als ich selbst anfing zu recherchieren, erfasste ich die gesammelten Daten anfangs mit einem Genealogie-Programm auf meinem PC. Das klappte auch ganz gut, vor allem das Ausdrucken des Stammbaumes war eine praktische Angelegenheit. Aber irgendwann erkannte ich, dass meine Forschung das gleiche Schicksal ereilen musste wie das meiner Großtante. Das naheliegendste war, die Daten ins Netz zu stellen, um es für jeden Interessierten, ob verwandt oder nicht, jederzeit verfügbar zu halten. Da ich mich sowieso für Webdesign interessierte, fing ich 2005 an, die Homepage zu erstellen und die Stammbaumdaten hierhin zu übertragen und fortan direkt online einzupflegen. Über die Homepage nahmen dann auch tatsächlich mehrere entfernte Verwandte Kontakt zu mir auf. Nach und nach habe ich dann einiges an nützlichen Informationen für Ahnenforscher eingefügt. Eine spezielle Rubrik habe ich dem Thema Pommern gewidmet, da ich väterlicherseits ja eine enge Beziehung zu diesem heute polnischen Gebiet habe.

MH: Welche Tipps würden Sie jungen Ahnenforschern geben?

AB: Da würde ich am liebsten die Frage umformulieren: "Welche Tipps würden Sie „alten“  Ahnenforschern geben?" Antwort: das Interesse in ihren Kindern wecken und erzählen, erzählen, erzählen. Wie sollen sich junge Menschen für ihre Vergangenheit interessieren, wenn ihre Eltern nicht mal über die eigene sprechen? Deswegen ist es so wichtig, die Kinder einzubeziehen und an den eigenen Erinnerungen teilhaben zu lassen.

Wir hoffen euch hat das Interview gefallen und wir bedanken uns nochmals ganz herzlich bei Herrn Böttcher, dass er mit uns seine Familiengeschichte geteilt hat!

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