2    Apr 20133 Kommentare

Geschichte: Die Ostpreußen

In dem Blogpost vom 14.März 2013 konntet ihr lesen, wie die Ordensritter die ursprünglichen Einwohner Ostpreußens, die Prussen, unterwarfen und danach eine „deutsche“ Geschichte Ostpreußens begann. Hier erzählt Herr Hans-Peter Geis weiter, gestützt auf den Text aus seinem Buch „Bauer, Bürger, Arbeitsmann“:

Nachdem der Deutsche Orden die Prussen Ostpreußens endgültig unter seine Herrschaft gezwungen hat, versucht er in

Provinz Ostpreußen - Wikipedia.de

jährlichen Feldzügen auch noch die Litauer zu unterwerfen. Doch die haben sich 1386 mit den Polen vereinigt und auch angefangen, das Christentum zu übernehmen. Nun schlägt ein vereintes litauisch-polnisches Heer das Ordensheer 1410 bei Tannenberg (die Polen nennen es die Schlacht von Grunwald). Außer einem sehr hohen Lösegeld für die gefangenen Ritter kommt der Orden jedoch noch einmal glimpflich davon.

Er versucht, dieses Lösegeld der Stadt Danzig sowie Städten, Bischöfen und Adel des Kulmerlandes (einem südwestlichen Ausläufer Ostpreußens) abzupressen, ohne ihnen irgendein Recht auf Mitbestimmung einzuräumen. Deshalb erkennen die so Bedrückten mit ihrer deutsch-prussischen Bevölkerung schon bald den polnischen König als ihren Herrn an, bei ihm fühlen sie sich offenbar besser aufgehoben; der Orden braucht das Land aber nicht abzutreten. Bald revoltieren auch im übrigen Ostpreußen die Städte und der Adel. 1440 schließen sie sich zusammen im Preußischen Bund.

Da [Kaiser] Friedrich III. im Reich niemandem irgendwelche neuen Rechte zugestehen will, erlaubt sich auch der Hochmeister des Ordens (und der Papst schließt sich an), 1453 den Preußischen Bund von Adel und Städten, die sich dem Orden entgegen stellen, zu verbieten. Doch das nutzt gar nichts, im Jahr darauf erhebt sich dieser Bund und ruft den polnischen König zu Hilfe, dieser zieht dann bereits 1457 in Danzig ein, große Landstriche werden verwüstet, die Unruhen gehen weiter bis zum Thorner Frieden von 1466. Nun muss der Orden die Oberherrschaft des polnischen Königs über das Kulmerland, das Land westlich von Danzig (Pommerellen) und einen Streifen quer durch Ostpreußen (das Ermland) anerkennen. Über den Rest Ostpreußens kann der Hochmeister zwar weiter herrschen, aber sein Oberherr ist neben dem Papst nun der polnische König. Söldnerführern aus dem Reich muss er wertvolle Gebiete als Bezahlung für Hilfe gegen den Preußischen Bund überlassen. Hier liegt der Ursprung der ostpreußischen Großgüter.

Da der Orden seit der Schlacht bei Tannenberg so schwach geworden ist, sucht er sich seit 1498 Söhne von Reichsfürsten als oberste Spitze. Er hofft, dadurch mehr Unterstützung aus dem Reich zu bekommen. Als letzten Hochmeister des Ordens wählen die Oberen im Jahr 1511 einen Verwandten der Kurfürsten von Brandenburg, Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Er versucht, die polnische Oberherrschaft über Preußen abzuschütteln, aber niemand im Reich unterstützt ihn. 1515 verzichtet sogar Kaiser Maximilian gegenüber dem polnischen König auf dieses Land, um auf diese Weise Ungarn zu behalten. So schließt der letzte Ordensmeister im Jahr 1525 Frieden mit dem König von Polen und erkennt dessen Oberherrschaft über das gesamte Prussenland an.

Langsam bröckeln von dem einst so mächtigen Reich die Ränder ab. Für das Ländchen, das vom Ordensstaat Preußen nach dem Frieden von Thorn 1466 noch übriggeblieben ist (das spätere Ostpreußen ohne den Querstreifen des Ermlands), interessiert sich zu Hause keiner mehr, obwohl es immer noch mit dem Reich verbunden ist. So tut der Hochmeister, zu jener Zeit der Hohenzoller Albrecht von Brandenburg, das einzige, was er noch tun kann, um dem Gebiet des Ordens seine Selbständigkeit zu erhalten: er macht aus ihm einen weltlichen Staat, tritt zu Luthers Lehre über und heiratet. Da vom Reich keine Unterstützung kommt, bleibt ihm nur die Anlehnung an Polen: er unterwirft sich 1525 dem polnischen König als Lehnsherren, und der setzt ihn als Herzog über ein erbliches Herzogtum ein.

Albrecht findet einen solchen Gefallen an seinem weltlichen Leben, dass er für seine Feste das Königsberger Schloss vergrößern lassen muss. Sein deutsches Stück Polen ist ein offenes Land, in das er bis zu seinem Tod im Jahr 1568 Baumeister, Künstler und Gelehrte holt, dazu so manchen, der aus Glaubensgründen seine Heimat verlassen muss, darunter zahlreiche Niederländer. In Königsberg gründet er eine Bibliothek, 1544 sogar eine Universität. In der Wildnis, die man später Masuren nennt, treten die Polen und die Litauer, die sich dort angesiedelt haben und längst zweisprachig sind, ebenfalls zum lutherischen Glauben über. In Albrechts Zeit entstehen Städte, darunter Tilsit (1552), Marggrabowa (1560, 1920 in Treuburg umgetauft) und Goldap (1567).

Königsberg Ende des 16.Jahrhunderts. Aus: S.Haffner: Preußen ohne Legende, Hamburg o.J.

Albrecht ist kein sehr starker Herrscher, viel Macht überlässt er dem Adel. Unter dem kranken Sohn Albrechts herrscht der fast alleine. Auch die Städte bekommen einen gewissen Einfluss, Handel und Handwerk blühen, es wird eifrig gebaut. So gut geht es den Leuten, dass die ausgelassenen Feste der Handwerker sich weit herumsprechen. Eine Pestepidemie mit 12000 Opfern unterbricht zwar das blühende Leben der Stadt von 1601 bis 1602, schon 1608 aber zählt der Königsberger Hafen wieder 643 Schiffe holländischer Reeder, die fast den ganzen Königsberger Handel in der Hand haben.

1618 stirbt Albrechts Nachfolger, ohne einen Sohn zu hinterlassen, Erben sind die in Brandenburg herrschenden Hohenzollern. Durch Heiraten mit einer polnischen Königstochter und mit den Töchtern von Albrechts Nachfolger hatten sie sich für dieses Erbe qualifiziert.

Und schließlich fällt das Land an den ”Großen Kurfürsten” von Brandenburg, Friedrich Wilhelm. Er beendet die polnische Oberherrschaft:

Eine für ihn glückliche Fügung will, dass die schwedischblütigen Könige von Polen und Schweden seit 1655 in Polen Krieg gegeneinander führen. Friedrich Wilhelm schwankt je nach Kriegslage zwischen beiden Parteien hin und her, mit dem Ergebnis, dass erst der schwedische, dann der polnische König ihm bestätigen, dass (Ost-)Preußen aus der polnischen Lehnsherrschaft entlassen ist und er damit souveräner Herrscher über das Land ist (der polnische Adel hat dem erst 60 Jahre später zugestimmt!). Fast jedenfalls: es bleibt die Pflicht der Heerfolge im Kriegsfall; außerdem soll das Land an den polnischen König zurückfallen, wenn die Hohenzollern aussterben.

Nachdem der Kurfürst von Sachsen König von Polen und der von Hannover König von England geworden ist, kriegt der Nachfolger des Großen Kurfürsten auch Lust König zu werden. Am 16.November 1700 erlaubt ihm der Kaiser, ”wegen seines Herzogtums Preußen sich für einen König zu proklamieren”. Am 18.Januar 1701 krönt er sich mit großem Pomp im Schloss zu Königsberg.

Damals feiern die 40000 Einwohner der drei [Königsberger]Teilstädte Altstadt, Löbenicht und Kneiphof (Berlin ist damals gerade halb so groß) viele Monate lang. Ein bisschen provisorisch ist das ganze: Friedrich I., König in Preußen, nennt sich der Monarch, denn nur im östlichen Teil Preußens ist er alleiniger Herrscher, der andere Teil, später Westpreußen genannt, gehört zu Polen; und der Papst will immer noch nicht hinnehmen, dass das Ordensland jetzt in der Hand eines weltlichen Herrschers ist. Immerhin erkennt der 1787 den preußischen König an (für die Anerkennung anderer Tatsachen hat sich die katholische Kirche mehr Zeit gelassen). Und so werden Brandenburger, Ravensberger, Klever usw. nach und nach zu Preußen. Erst der Enkel des neuen Königs, Friedrich II., hat diesen Namen für das ganze Staatsgebilde allgemein durchgesetzt.

1709-10 wütet in Ostpreußen erneut die Pest und rafft ein Drittel der Einwohner hin.  20000 protestantische Pinzgauer, die der Erzbischof von Salzburg 1732 von ihren Höfen vertrieben hat, finden bei Gumbinnen und Goldap eine neue Heimat. Sie sind die Erfinder des Tilsiter Käses.

1758 erobern russische Truppen für kurze Zeit Königsberg.

Als Europa 1805-1815 unter der Fuchtel Napoleons ächzt, macht Minister Stein die Bauern speziell östlich der Elbe zu freien Menschen, die vorher nicht heiraten, nicht fortziehen durften ohne die Erlaubnis ihres Gutsherren. Sie können sich jetzt von ihren Dienstpflichten frei kaufen.

Ostpreußen in seiner letzten Gestalt, zusammen mit den anderen verlorenen deutschen Ostgebieten. Damals (1980) nährten einige Zeitgenossen noch die Illusion, diese würden an Deutschland zurück gegeben (deshalb ”zur Zeit unter polnischer Verwaltung...”). Aus: H.Schreiber, Unvergessener Deutscher Osten, München 1980

Ostpreußen bleibt ein Teil des Staates Preußen, es liegt aber außerhalb des Deutschen Reiches, später des Deutschen Bundes. Erst 1871 wird es Teil des neuen Deutschen Kaiserreichs.  Mit dem Deutschen Reich geht es 1945 unter. Ein großer Teil seiner Bevölkerung flüchtet 1945, der Rest wird vertrieben und das Land zwischen der Sowjetunion und Polen aufgeteilt.

Kommentare (3) Trackbacks (1)
  1. Und wieder ein interessantes Stück Geschichte aus Europa. Erst kürzlich habe ich wieder eine Zusammenfassung der Geschichte Preussens gelesen.
    Ich bin schon jetzt auf den nächsten Beitrag gespannt ;-)
    Vielen Dank und beste Grüsse
    Remo
  2. Sehr deutlich wird hier, wie fragwürdig und historisch unbegründbar die vereinzelt heute noch erhobenen Ansprüche auf "deutsche" Ostgebiete sind.
  3. Im Endeffekt ist jeder historisch begründete Gebietsanspruch unsinnig, egal wer den Anspruch erhebt.

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