23    Apr 20130 Kommentare

Familienforschung: Auswanderung aus religiösen Gründen + VERLOSUNG

Heute ist der Welttag des Buches, ein von der UNESCO eingerichteter Feiertag für das Lesen, für Bücher und für die Kultur des geschriebenen Wortes. Passend dazu haben wir heute einen Blogpost von dem Buchautor Herrn Hans-Peter Geis, der heute über Auswanderung aus religiösen Gründen erzählt, und eine Verlosung!

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"In den Blogposts bisher hatten wir von den Zügen überwiegend deutscher Auswanderer in Richtung Osten gehört. Sie waren in nähere und fernere Länder gezogen, weil sie dort einen eigenen Hof bekommen konnten, weil sie dort – jedenfalls für eine Weile - keine Abgaben leisten mussten, und weil sie sich mehr Freiheiten erhofften. Zweite und dritte Söhne und die Töchter von Bauern konnten auf diese Weise eine Familie gründen, während sie zu Hause höchstens als Knechte und Mägde Arbeit gefunden hätten, weil der Hof an den ältesten Sohn ging. Obwohl: Im neuen Land einen eigenen Hof zu bekommen, das war zunächst einmal ganz harte Arbeit, um das dazugehörige Stück Land urbar zu machen. Wie hart das war, das hat uns der große norwegische Dichter Knut Hamsun in seinem Roman „Segen der Erde“  („Markens Gröde“) eindrucksvoll nahe gebracht (auch wenn der Roman in einer viel späteren Zeit spielt). Dafür hat er mit recht 1920 den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Die Ostwanderung deutscher Siedler endet um 1350. Damals wütet in ganz Europa die Pest, in Wellen kommt sie wieder bis zum Jahr 1439. 1346 trifft sie als erstes die Mongolen, 1349/50 kommt sie zu uns. Flöhe auf der Ratte übertragen die Pestbakterien – die Menschen ahnen damals noch nicht, dass es so etwas wie Bakterien gibt. Kein Beten, kein Gottesdienst, keine Geißelei, kein Aderlass, kein Räuchern hilft dagegen. So viele sterben, dass in einem breiten Streifen, der sich vom Südwesten Deutschlands bis an die Oder erstreckt,  schließlich bis zu über 40 Prozent der Dörfer verlassen sind. Kein Wunder, dass niemand mehr in Richtung Osten zieht. Es ist die größte Katastrophe in Europa nach der Römerzeit.

In ihrer Hilflosigkeit geben viele den Juden die Schuld an der Pest. Das Wort geht um, sie hätten die Brunnen vergiftet und das sei die Ursache der Pest. Ja, die Juden. Zur Römerzeit waren die ersten an den Rhein gekommen. Viele Fremde waren zur Römerzeit dorthin gekommen. Im Laufe der Zeit waren sie mit den Einheimischen verschmolzen, waren schließlich Christen geworden.

Die Juden dagegen hatten ihre Eigenart, ihre Religion und ihre Sprache bewahrt, untereinander geheiratet. Alles Gründe, sie als fremd, vielleicht sogar als unheimlich zu empfinden in einer Zeit, in der die Menschen – ganz anders als in unserer heutigen, aufgeklärten Zeit - von Gefühlen, von der Angst vor dem Unbekannten, vor höheren Mächten geleitet waren. Und dann hieß es ja, die Juden seien schuld daran, dass Jesus ans Kreuz geschlagen worden sei.

Schon im Winter 1095/96 waren von Frankreich aus fanatisierte Haufen zum ersten Kreuzzug aufgebrochen und hatten auf ihrem Weg ins Heilige Land in deutschen Städten am Rhein unter den angeblichen Jesusmördern wilde Judengemetzel veranstaltet.

Und so werden sie für ihre angebliche Schuld an der Pest  gefangen, erschlagen, vertrieben, ihre Gotteshäuser zerstört. Eigentlich stehen sie unter dem Schutz des  Kaisers Karl IV., aber der drückt beide Augen zu.  Es ist das Ende vieler Judengemeinden in Deutschland. Und die jetzt nicht gehen müssen, werden nach und nach vertrieben, bis 1423 Juden auch Köln und 1435 Speyer verlassen müssen. Verstreut im Land lassen sich einige bei kleinen Adeligen nieder, aber die meisten gehen nach Polen, wohin sie das Jiddische, ihre Umgangssprache, mitnehmen. Es ist ein spätmittelalterliches Deutsch. Nicht nur aus Deutschland werden sie vertrieben, schon 1290 hatten sie England, 1306 und dann noch einmal 1394 Frankreich verlassen müssen.

In Deutschland wächst nach der Pest bis um 1500 die Bevölkerung wieder so stark an, dass es eng wird im Lande. Aber nun sind es andere Gründe, warum sich Menschen bei uns auf Wanderschaft begeben:  einmal gibt es diejenigen, die unzufrieden sind mit der allein seligmachenden Kirche. Wenn wir von ihnen sprechen, denken wir zuerst an Luther. 1555 bestimmt der Reichstag, dass der jeweilige Fürst die Religion in seinem Ländchen bestimmt, wer dem nicht folgen will, muss auswandern.

Die Schweizer haben einen eigenen Kirchenkritiker: Huldrych Zwingli, der aber nicht in allem die gleiche Auffassung hat wie Luther. Nach seinem Tod ist Johann Calvin der Führer dieser „Reformierten“.  Keine der beiden Formen des Protestes kann sich durchsetzen, im Reich gelten die Reformierten auch noch nicht als gleichberechtigt wie die Lutheraner. Beide Formen der Protestbewegung sind aber letztendlich genau so intolerant wie die Kirche des Papstes.

Darunter leidet eine weitere Protestbewegung: die „Täufer“.  Das Prinzip „Nur das Bibelwort zählt“  legen sie wieder anders aus als Lutheraner und Reformierte. Sie sagen: um in die Gemeinschaft der Gläubigen einzutreten, muss man an Jesus glauben, und das kann nur ein Erwachsener, Neugeborene können das nicht. Sie taufen deshalb nur Erwachsene. Aus diesem Grund heißen sie Täufer oder herabsetzend „Wiedertäufer“. Ihre Gottesdienste sind ganz schmucklos, ohne Musik und Singen, sie lesen nur in der Bibel. In Zürich droht der Stadtrat jedem, der seine Kinder nicht taufen lässt, mit Ausweisung, aber es hilft nicht: In Zürich müssen sie ins Gefängnis, bei den Katholiken wird der erste 1525 hingerichtet, 1527 wird in Zürich einer der Anführer in der Limmat ertränkt.

Aber sie lassen sich nicht aufhalten, nein, sie tragen ihren Glauben weiter. Hans Denk trägt ihn nach Augsburg, nach Straßburg und Worms. Hans Hut predigt und tauft in Thüringen, in Königsberg, in Franken, Bayern, Österreich und Mähren, bis ihm 1527 in Augsburg der Prozess gemacht wird. Seine Schüler machen die lutherischen Tiroler zu Täufern. Melchior Hoffmann lernt ihren Glauben in Straßburg kennen und verbreitet ihn seit 1530 in Emden und in den Niederlanden.

Der Westfälische Friede von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendet, bringt den Reformierten Anerkennung und Gleichberechtigung mit Katholiken und Lutheranern, aber nicht den Täufern und anderen Abweichlern wie Quäkern und Pietisten. Aus Österreich ziehen sie nach Mähren, wo sie „ Böhmische Brüder“ genannt werden. Aus Zürich wandern die meisten  bis 1661 aus. Die Berner nehmen ihnen alle Rechte, brennen ihnen ein Mal auf die Stirne, stecken sie ins Gefängnis oder verurteilen sie zur Galeerenstrafe. Wer kann, geht ins Elsass, nach Süddeutschland und Preußen. Dort tut ihnen niemand etwas.

Jacob Ammann ist ein ganz strenger Gemeindevorsteher bei den Täufern. Bei ihm dürfen sich die Gemeindemitglieder nur ganz einfach kleiden, die Männer müssen Bärte tragen und alle müssen sich an die Glaubensgrundsätze halten, die er verkündet. Wer das nicht tut, den verjagt er für immer. Von ihm haben die „Amischen“ in den USA ihren Namen. Ihre Bibel, die sie mitgebracht haben, ist auf Deutsch geschrieben, deshalb sprechen sie heute noch deutsch, das Pennsylvania Dutch, eine Pfälzer Mundart.

Amische Familie fährt mit ihrer Kutsche in Sonntagskleidern zum Gottesdienst. Postkarte von Photo Arts Co. Box 1274, Lancaster, Pa., USA.

In die Pfalz hatte  der Pfälzer Kurfürst sie nämlich nach dem Dreißigjährigen Krieg eingeladen, die arg verwüstete Gegend wieder aufzubauen. Bis 1750 kommen 618 Familien und gründen 27 Täufergemeinden. Auch in Norddeutschland und den Niederlanden sind sie willkommen. Von dort ruft sie der polnische König, sie sollen die Sümpfe des Weichseldeltas urbar machen. Nach dem Friesen Menno Simons, einem ihrer Anführer im 16.Jahrhundert,  heißen sie Mennoniten. Das ist der Name, unter dem sie bei Deutschen und Englischsprachigen bekannt sind (nicht zu verwechseln mit den Mormonen, einer in den USA entstandenen ganz anderen Glaubensrichtung).

Englische Quäker bringen 13 Quäker- und Täuferfamilien im Jahr 1683 aus dem damals niederländischen Krefeld dazu, mit ihnen nach Amerika auszuwandern. Der englische Quäker William Penn hat dort für sie ein Stück Land erworben, es heißt  „Pennsylvania“, zu deutsch Penns Wälder.  In denen sollen sie sich ansiedeln. Sie gründen den Ort „Germantown“ bei Philadelphia. Sie ziehen weitere Glaubensgenossen nach wie die Amischen, die Herrnhuter und andere.

Der englische Quäker William Penn verhandelt mit Indianern. Aus: C.J.Dyck, An Introduction to Mennonite History. Kitchener, Ontario 1981

Als die englische Königin ihnen freie Überfahrt und Land verspricht, wandern dann an die 13000 aus der Pfalz aus, diesmal nicht, weil sie verfolgt werden, sondern wegen einer großen Hungersnot. Wellen von Auswanderern aus dem übervölkerten Baden und Württemberg folgen ihnen. Zusammen sind sie die ersten 100000 von 7 Millionen deutschen Einwanderern.

Und wie kommen sie da hin?  Erst einmal  fahren sie auf Flussschiffen an die Küste. Dabei passieren sie zwischen Heilbronn und Holland allein 36 Zollstationen. Deshalb dauert dieser Teil der Reise 4-6 Wochen.  Die Vorfahren der heutigen Einwohner von Pfalzdorf und Louisendorf  am Niederrhein erreichen nicht einmal  Holland, bevor sie aufgeben.

Die Segelschiffe, in denen sie den großen Teich überqueren, sind Nussschalen, verglichen mit heutigen Schiffen. Über den Frachträumen sind 2 ½ m hohe, schlecht belüftete  Zwischendecks eingezogen. Dort sind Männer, Frauen und Kinder die sieben und mehr Wochen lang zusammengepfercht, seekrank oder wirklich krank, bis sie ankommen. Wenn sie denn ankommen. Der Urahne des heute bedeutenden norwegischen Unternehmens Rieber strandet – von Bayern kommend – mit einem Segelschiff vor der norwegischen Küste. Im Jahr 1709 warten 11000 deutsche Auswanderer in England vergebens auf  Reisemöglichkeiten nach Amerika. Die Hälfte von ihnen kehrt in die Pfalz zurück, 4000 siedeln sich in Irland an.

So spannend kann Geschichte sein. Merkwürdig, dass das bisher kein Berufshistoriker gemerkt hat. Ich habe jedenfalls lange gesucht und kein Buch gefunden, das speziell  von diesem Thema handelt. Deshalb habe ich angefangen eines darüber selbst zu schreiben (ihr wisst, es heißt  „Bauer Bürger Arbeitsmann“, mehr darüber unter www.bauer-buerger-arbeitsmann.de). Offenbar ist es mir gelungen, mit meinem Buch dem Leser diese Spannung zu vermitteln, denn ein Leser schrieb mir: „...der erste [Teil des Buches] war insbesondere ab dem Mittelalter spannend wie ein Krimi“ und später „Auf unserer Reise um die Welt habe ich mit großer Begeisterung den 2.Teil Ihres Buches gelesen“.

Aber noch einmal zurück zu den mennonitischen Auswanderern. In meiner Schulzeit hatten wir Besuch vom VDA, der Deutsche im Ausland unterstützt. Da erzählte ein Mann von einem deutschen Kind in den USA, das gesagt habe: „Mutter, die Bell hot gerunge“, bei uns würde es sagen: „Mutter, es hat an der Tür geklingelt“.  Das hat mich so fasziniert, dass ich es nie vergessen habe. Später verstand ich: das ist das Pennsylvanian Dutch der  Amischen. Die Eigenart dieser Menschen lockt heutzutage Touristen aus den ganzen USA nach Lancaster County in Pennsylvania.  Als mich mein Arbeitgeber 1982 mal nach USA schickte, lenkte ich deshalb meinen Weg nach Lancaster –  etwa  100 km westlich von Philadelphia. Ein paar Ortsnamen erinnern daran, wo sie her kamen: Manheim, Strasburg, New Holland oder sie zeigen ihre Bibelverbundenheit mit Ortsnamen wie Paradise, Ephrata, Akron, Bethesda.

Dicht beieinander liegen die sauberen, gepflegten Höfe der Amischen. Die Äcker drumherum bearbeiten sie mit Pferdegespannen; Verbrennungs- und Elektromotoren sind den strengsten Mennoniten verboten, sie haben auch keinen Strom-  oder Telefonanschluss. Nur sie, mit schwarzem Kowboyhut  und Vollbart, sprechen noch  die alte Sprache. Hochdeutsch verstehen sie kaum. Wenn sie irgendwo hin fahren, benutzen sie ihre schwarz gestrichenen Pferdekutschen, schwarz sind auch die meisten gekleidet. Im Städtchen Lancaster verkaufen sie Gemüse und Früchte von ihren Feldern in einer Markthalle, da haben sie feste Stände. Wie sie miteinander reden, konnte ich nicht so gut verstehen, deshalb habe ich mir beim Visitors Center eine Tonband-Kassette gekauft. Unter dem Titel „Gedichde un Geschichde“ hat der US-Professor Ernest G. Gehman Gespräche mit ihnen aufgezeichnet. Für mich als Hessen war es nicht schwierig, ihr pfälzisch geprägtes Deutsch mit ein paar englischen Einschlägen zu verstehen.

Dies waren heute ein paar Beispiele von Auswanderung aus  Deutschland aus religiösen Gründen. Die Auswanderung geht weiter, bald geht sie erst richtig los, in andere europäische Länder, nach Russland, nach Nord- und Südamerika, bis nach Australien. Mehr darüber in den folgenden Blogposts."

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