23    Feb 20135 Kommentare

Deutsche Geschichte: Die Siebenbürger Sachsen

Wir freuen uns sehr, Herrn Hans-Peter Geis wieder im unseren Blog begrüßen zu dürfen! Heute berichtet er von den Siebenbürger Sachsen.

Viel Spaß beim Lesen!

Im letzten Blogpost schrieb ich über die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter. Sie nennt sich zwar „deutsche“ Ostsiedlung, aber es beteiligen sich auch Niederländer und Flamen. Bei denen ist vermutlich nicht  mehr genügend Platz für einen Hof für zweite und weitere Söhne. Sie sind auch sehr gefragt, weil sie in ihrer Heimat gelernt haben Sümpfe zu kultivieren. Sicher locken auch Steuervorteile.

Der große Teil der Siedler lässt sich in Gegenden nieder, wo sie noch eine gewisse Berührung mit dem Rest des Reiches haben. Nur diejenigen, die sich am weitesten weg wagten,  die, vom polnischen König in die Ukraine eingeladen, so weit weg von der Masse ihrer Landsleute siedeln, dass sie schließlich ihre Muttersprache aufgeben und zur polnischen Sprache übergehen.

Heute will ich von den Siebenbürger Sachsen berichten, einer Gruppe, die noch weiter nach Osten gezogen ist: Nachdem Kaiser/König Otto I. die Ungarn  dazu gebracht hatte, sesshaft zu werden, hatten diese sich über ein riesiges Gebiet angesiedelt,  das sich von Wien bis fast nach Bukarest und von Polen bis zur Adria erstreckte. Es war allerdings sehr dünn bevölkert. Um die Grenze gegenüber dem Reich zu sichern,  belehnen die Ungarnkönige im 12.Jahrhundert zunächst  deutsche und ungarische Adlige mit Land. Dazu holen diese sich Siedler aus dem benachbarten Österreich. Aber die genügen nicht, um das Land bis hin zum Karpatengebirge (heute ein Teil von Rumänien) zu behaupten. Deshalb ruft König Geisa II. um 1141 „Gäste“ aus dem Deutschen Reich auf, sich dort niederzulassen. Bis 1190 machen sich 500 Familien von Rhein und Mosel zu Fuß und mit Pferd und Wagen und Vieh auf den Weg in das 1500 Kilometer entfernte Land. Andere, darunter Flamen, Wallonen, Luxemburger, Niedersachsen, Thüringer folgen ihnen. Die meisten lassen sich in der Gegend von Hermannstadt (Sibiu/Rumänien) nieder.

Siebenbürgen. Die Grenzen verlaufen heute anders. Aus Sydow-Wagners Methodischer Schulatlas. Gotha 1943.

Dort, auf den Höhen der Karpaten, leben sie recht abgeschieden vom Rest der Welt. Sie leben völlig frei, sie unterstehen zwar einem Grafen in Hermannstadt, aber sie regeln ihre Angelegenheiten selbst, wählen eigene Richter und Pfarrer. Sieben Zentren mit gleichem Recht entwickeln sich im Laufe der Zeit, vermutlich deshalb nennt man die Gegend „Siebenbürgen“. Die Menschen nennen sich Siebenbürger „Sachsen“, so nannte man damals  Siedler aus Mitteleuropa.

Schon früh bekommen sie Besuch von Landsleuten: 1211 holt der ungarische König zum weiteren Schutz den Deutschen Orden, der beim 3.Kreuzzug in Palästina gegründet worden war, in die Gegend von Kronstadt. Der baut auch einige Burgen. Aber als dessen Hochmeister  versucht, dort einen eigenen Staat zu gründen, verjagt ihn 1225 der ungarische König wieder. Der Orden wendet sich statt dessen nach Ostpreußen, dort werden wir ihn wieder treffen.

Aber klar - die Sachsen bleiben in Siebenbürgen. Mit den Methoden, die sie aus ihrer Heimat mit gebracht haben, haben sie ihr neues Land in kurzer Zeit zur Blüte gebracht. Und das nicht nur auf dem Acker, nein, sie holen auch Bergleute, welche die schon von den Römern betriebenen Gruben wieder aufwältigen. Und so wächst der Wohlstand.

Aber die Siebenbürger  wohnen ja in einem Grenzgebiet, das der Ungarnkönig  keinem anderen überlassen will. Das Halbrund der rumänischen Karpatenberge ragt bis zu 2500 m hoch auf aus der Ebene, durch welche die Donau in das Schwarze Meer fließt. Auf der Innenfläche dieses Halbrunds, in etwa 400 m Höhe haben sie sich nieder gelassen. Von drei Seiten führen fünf Passstraßen hinein. Bereits 100 Jahre nach der Ankunft der ersten Siedler kommen die ersten Eroberer, Mongolen, aber sie wollen nur zerstören und Menschen – meist Handwerker - als Sklaven mitnehmen. Auch ein ungarisches Heer kann sie nicht aufhalten.

Nach dem Mongoleneinbruch fördern die ungarischen Könige den Städtebau vor allem an den Passstraßen. Schließlich brauchen die Menschen auch Orte, an denen sie das tauschen oder verkaufen können, was sie vom Acker oder aus der Grube geholt haben. In den Städten schließen sich Handwerker zu Zünften zusammen.  Kronstadt und Hermannstadt sind die wichtigsten, in ihnen zeigen die Siebenbürger Sachsen, welch hervorragende Festungsbaumeister sie sind. Sie bauen mehrere Mauerringe und in diese bauen sie Wohnungen für die Bauern der Umgebung ein, die dort auch Lebensmittel lagern können. Als letzte Zuflucht und Festung dient die Kirche, auf dem Land ist nur die Kirche eine Fluchtburg.

Aus: Gündisch: Die Siebenbürger Sachsen. Bonn 1992

1354 kommen die Osmanen, heute sagen wir „Türken“ , herüber nach Europa.  Jetzt bedrohen diese das ungarische Reich.  Sie erfechten mehrere Siege auf dem Balkan und erhalten Tribut von verschiedenen Völkern. 1438 dringt ihr Heer nach Siebenbürgen ein und zerstört viele Orte der Siebenbürger.  Schließlich belagern sie erfolglos Hermannstadt und rächen sich dann furchtbar an einem anderen Städtchen. Sie nehmen Geiseln und verschwinden. 1479 kommen die Osmanen wieder, diesmal werden sie von einer siebenbürgischen Streitmacht aus Ungarn, Rumänen und Sachsen geschlagen. Aber 1526 schlägt der Sultan die Ungarn endgültig und große Teile des Landes werden türkisch.

Siebenbürgen bleibt bis 1688 unter türkischer Oberhoheit, wenn es auch ein selbständiges Fürstentum ist, in dem die Bewohner ihren Fürsten selbst wählen. In dem schwierigen 16.Jahrhundert  geschieht eine geistige Erneuerung unter den Sachsen. Schon 1519 lesen sie Luthers Schriften. Sie haben ihren eigenen Reformator, dessen Kirchenordnung 1550 allgemein bei den Sachsen eingeführt wird. Dieser Mann ist ein gutes Beispiel des sich immer erneuernden Kontaktes mit dem Zentrum Europas: Er hatte in Wien studiert, in Krakau und Basel als Buchdrucker und Humanist gearbeitet, später ist er Ratsherr in Kronstadt. In dieser Zeit fassen sie auch alle ihre Rechte in einem eigenen Gesetzbuch zusammen, es gilt bis 1853!

In der Osmanen verlangen die Türken hohe Tribute, sie sperren die Wege und behindern damit den Handel. Heere von Türken, Tataren, Kosaken, Walachen, Moldawen dringen ein, sogar Truppen des Wiener Kaisers sind beteiligt. Und so leidet im Innern der Viehbestand, Felder werden nicht bestellt. 1695 sind in den 228 Orten der Sachsen 6000 Höfe wüst gefallen.  Es geht den Siebenbürgern nicht gut.

Erst 1699 haben die Türken jede Bedeutung verloren, der Kaiser in Wien übernimmt als Fürst  von Siebenbürgen selbst die Herrschaft. Die Fremdherrschaft ist damit zu Ende, aber nicht die Probleme: Die Habsburger versuchen die evangelische Kirche und außerdem die Sonderstellung der Siebenbürger zu schwächen. Die ungarischen Adeligen versuchen sich Vorrechte gegenüber den Sachsen zu schaffen. Rumänen in großer Zahl lassen sich in verlassenen Sachsendörfern nieder, wodurch die Sachsen zur Minderheit werden.  Ihre Kirche können sie verteidigen, sie wird in Zukunft das verbindende Element. Ihre Sonderrechte in Siebenbürgen  verlieren die Sachsen 1784, sie werden zu einer Minderheit von 10 % unter Ungarn und Rumänen. Jeder kann sich nun in Siebenbürgen ansiedeln.

Das geistige Leben blüht noch einmal auf: 1784 entsteht eine Zeitung, ein Göttinger Historiker schreibt ihre Geschichte, der Gouverneur (selbst Sachse) gründet 1817 ein Museum. Im „Vormärz“, den Jahren großer Aktivität vor der Revolution von 1848 in Deutschland und Österreich, geschieht auch bei den Siebenbürgen viel:  sie gründen Sparkassen, gründen Fabriken, in denen Dampfmaschinen arbeiten. Mit 2000 Neusiedlern aus Württemberg modernisieren sie die Landwirtschaft. Sie sammeln sich in gewerblichen und wissenschaftlichen Vereinen. Und sie verteidigen ihre Sprache gegenüber den Ungarn. Zusammen mit den Rumänen wehren sie sich gegen eine Vereinigung mit Ungarn.

Mit der Trennung zwischen Österreich und Ungarn 1867 macht der Kaiser in Wien Siebenbürgen aber doch zu einem Teil Ungarns. Während der Jahre bis zum Ende des 1.Weltkrieges versuchen die Ungarn das Land ungarisch zu machen. Die Sachsen hoffen danach auf eine bessere Zukunft zusammen mit den Rumänen, als sie 1920 Teil des größeren Rumänien werden. Es wird nicht besser, statt Ungarn versuchen die neuen Herren Rumänen aus den Sachsen zu machen. Eine Agrarreform nimmt Gemeinden und Kirchen 50 bzw. 55 % ihres Grundbesitzes. Im letzten Krieg holt sich die Waffen-SS einen Teil der jungen Männer.

Nach dem Krieg deportieren die Sowjets 30000 sächsische Männer und Frauen zum „Wiederaufbau“ in die Sowjetunion. Die letzten werden 1952 frei gelassen.  Denen, die zu Hause geblieben waren, nehmen die neuen rumänischen Machthaber alles: Höfe, Groß- und Kleinbetriebe, Banken,  Geschäfte, Häuser.  Ab 1949 bekommen sie einiges wieder, sind sie auch nicht mehr ganz rechtlos. Später macht das kommunistische System mit Bespitzelung,  politischen Prozessen, Sozialisierung  den Sachsen das Leben schwer. Für sie ist es nicht mehr das Siebenbürgen, in das ihre Vorfahren vor 800 Jahren gekommen waren, ein Neuanfang lohnt nicht mehr. Ab 1958 lässt  die Regierung sie ausreisen. Am 30.6.1992 sind von den 253000 (vor dem Krieg) noch 30458 übrig, von denen allerdings etliche schon auf dem Sprung in die alte Heimat stehen, der Rest sind Alte und Kranke.

Die Siebenbürger Sachsen sind Geschichte. Es gibt sie fast nur noch in Deutschland. Da hört es sich schon fast wie ein Märchen an, als vor ein paar Jahren gemeldet wird, dass die Rumänen mit großer Mehrheit einen Siebenbürger Sachsen zum Bürgermeister von Sibiu, dem früheren Hermannstadt, gewählt haben.

Vielleicht trifft der eine oder andere bei seiner Ahnenforschung auf einen Siebenbürger. Da weiß er jetzt jedenfalls etwas über deren Geschichte.

Die Darstellung beruht weitgehend auf meinem Buch „Bauer Bürger Arbeitsmann“. Ich habe noch ein paar Exemplare mit kleinen Druckfehlern, die ich abgeben kann.

Kommentare (5) Trackbacks (0)
  1. Einmal mehr eine interessanter Teil aus der europäischen Geschichte. Vielen Dank !
    Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht über die Banater Schwaben ;-)
    Beste Grüsse
    Remo
  2. Ein sehr interessanter Beitrag.
    Danke dafür.
    Ferdinand
  3. Sehr intressant, ich war auc schon mal da, aber heute ist es nicht wiederzuerkennen.
  4. Ich kann mich für diesen Beitrag nur bedanken.Sehr interessant, zumal meine Großeltern von Siebenbürgen (Jakobenie) in den
    40iger Jahren von dort nach Deutschland übergesiedelt sind.
    Viel weiter reichen meine Forschungen leider noch nicht.
    Beste Grüße
    Uwe
  5. Tolle Zusammenfassung der Geschichte der Siebenbürgen. Ein Blogartikel bei dem ich auf jeden Fall viel dazu gelernt habe (auch wenn ich selber keinen verwandtschaftlichen Bezug habe).

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