21    Jun 20123 Kommentare

Interview mit Detlef Plaisier

Detlef Plaisier, Jahrgang 1958, kommt ursprünglich aus Hannover in Niedersachsen und ist 2006 in die Messe- und Buchstadt Leipzig gekommen – nicht der Liebe, sondern der Arbeit wegen. Hier führt er jetzt ein Journalistenbüro mit Mitarbeitern. Auch ist er der Autor des neuen genealogischen Blogs baerenforschung.

MH: Wie ist Ihr Interesse für die Ahnenforschung entstanden? Was fasziniert Sie daran?

DP: Ich bevorzuge das Wort „Familienforschung“. Geweckt wurde mein Interesse durch Ahnenpässe im Haus meines Onkels im Emsland. Anhand meiner Korrespondenz kann ich nachverfolgen, dass ich 1981 die ersten Suchanfragen geschrieben habe. Damals gab es noch keine Datenbanken im Internet, und so wurde jede Urkunde fein säuberlich aus der Ursprungsquelle abgeschrieben und einzeln in Rechnung gestellt. Eine Urkunde kostete damals sechs Mark.

Ich werde oft gefragt, was an Familienforschung so fesselnd ist. Das sei doch nicht mehr als das Sammeln von Daten aus alten, staubigen Kirchenbüchern; dazu noch von Personen, die seit Jahrhunderten der Erinnerung ihrer Angehörigen entrissen sind.

Ich finde dagegen, Familienforschung ist eine sehr lebendige Angelegenheit. Sie gibt Einblicke in die persönlichen Verhältnisse der Menschen früherer Jahrhunderte. So erfahre ich etwas über meine Wurzeln, und nicht zuletzt wird auch meine Phantasie beflügelt. Wer hat diese Eintragung geschrieben, an deren so kunstvoll verschnörkelten Buchstaben ich fast verzweifle? Der Schreiber wird namenlos bleiben. Was er uns über seine Zeit mitteilen wollte, ist es wert, auch über weitere Generationen bewahrt und gepflegt zu werden. Ich wünsche mir, dass sich immer wieder Menschen hierfür finden.

Hochzeit meiner Großeltern väterlicherseits Johann Bernhard Plaisier und Noentjeanna geb. Harms im April 1912 in Westrhauderfehn (Ostfriesland)

MH: Betreiben Sie Ahnenforschung alleine, oder gemeinsam mit anderen Familienangehörigen?

DP: Mein Vater hat die Tradition der Familie und die Bräuche seiner Heimat Ostfriesland immer sehr hochgehalten und auch in der Fremde gepflegt. Er hat mir kurz vor seinem Tod noch einen Teil seiner persönlichen Familienchronik aufgeschrieben. Ich arbeite sie gerade auf mit dem Ziel, sie regional zu veröffentlichen. Daten seiner Vorfahren hat er aber nicht erhoben, abgesehen von den obligatorischen Ahnenpässen in der NS-Zeit. Leider interessieren sich mehr Fremde für meine Motivation zu forschen und meine Ergebnisse als die wenigen verbliebenen Familienmitglieder.

Mein Vater Artur Plaisier, geboren 1927, im Jahr 1939 in der Schule in Bockhorst (Emsland)

Mein Vater Artur Plaisier, geboren 1927 (Bildmitte), im Reichsarbeitsdienst

MH: Bis ins wievielte Jahrhundert reicht Ihre Ahnenforschung und was war Ihr schönstes Ahnenforschungs-Erlebnis?

DP: Inzwischen befinden sich über 16.000 Personen in meinem Stammbaum. Ohne genealogische Datenbanken und den Austausch mit Stammbäumen anderer Forscher wäre dies gar nicht möglich. Meine Stammlinie geht zurück bis ins Jahr 1395 und endet im niedersächsischen Ammerland in der Nähe von Bad Zwischenahn. Andere Linien verweisen bis in die Zeit Karls des Großen. Eine verlässliche Quellenlage ist auf diesem Zeitstrahl, über eintausend Jahre zurück, allerdings kaum noch gegeben.

Jeder hofft irgendwie darauf, bei seinen Forschungen eine bekannte Person oder gar eine Person der Weltgeschichte unter seinen Vorfahren zu finden. Ich bin stolz auf den früheren US-Präsidenten Gerald Ford und Karl den Großen.

Meine schönsten Erinnerungen reichen in die Anfangsjahre meiner Forschung zurück. Mit dem klapprigen VW Käfer meiner damaligen Freundin sind wir mehrere hundert Kilometer auf Tour zu den Pfarrämtern gegangen, um dort die Kirchenbücher zu durchforsten. Wir saßen in der guten Stube des Pfarrhauses, mehrere Folianten auf dem Wohnzimmertisch und bekamen oft noch Kaffee und Kuchen – natürlich nach dem Studium der Bücher.

Meine Großmutter mütterlicherseits Irma Nolte (geboren 1902) etwa 20 Jahre alt in Warburg (Westfalen)

MH: Wann ist die Seite baerenforschung entstanden und wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Blog zu erstellen?

DP: Der Blog ist noch jung. Neben meiner beruflichen Seite dermannfuerdentext.com habe ich 2012 mehrere Blogs aufgesetzt, die von meinen privaten Interessen erzählen, alle unter dem Leitmotiv „Der Bär“. Neben dieser Seite über Familienforschung interessiert sich der Bär für Literatur (baerenbuecher), sammelt Postkarten (baerenkarten) und unterstützt Kinder in einer Schule auf Tonga (baerenspende). Die Blogs werden regelmäßig für Awards nominiert. Es ist möglich, auf allen Blogs Gastautor zu werden. Wer also über seine Familienforschung berichten möchte, kann gerne einen Beitrag zur Veröffentlichung an mich senden.

MH: Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Blogbeiträge?

DP: Leider habe ich nicht immer die Zeit für eine regelmäßige Pflege. Ich wähle Beiträge aus, die aus meiner Erfahrung anderen Suchenden helfen können, die informativ sind und die dazu geeignet sind, Begeisterung für Familienforschung zu wecken. Ganz neu ist eine Kategorie für Suchanfragen. Ich verspreche, es bleibt spannend - Reaktionen sind immer willkommen!

MH: Wieso meinen Sie, dass Ahnenforschung derzeit so im Trend ist?

DP: Weil die Faszination Familie für alle Generationen wieder einen beständigen Wert repräsentiert.

MH: Welche Tipps würden Sie jungen Ahnenforschern geben?

DP: Zunächst einen, der auf den ersten Blick widersinnig erscheint: Suchen Sie am Anfang nicht in Kirchenbüchern und Datenbanken - aktivieren Sie Ihre Familie! Sprechen Sie mit allen, die Sie erwischen können. Nichts ist wertvoller als die Erinnerungen und das gesprochene Wort derer, die in der Familie noch leben. Die Generation der Großeltern holt Namen, Daten und Geschichten hervor, die kein Kirchenbuch wiedergeben kann. Nehmen Sie Ihre Gespräche digital auf. Im Gespräch überhört man manches kleine Detail. Und wenn jemand stirbt: Versuchen Sie sich mit den nahen Angehörigen zu einigen, dass Sie die privaten Papiere zumindest ansehen dürfen. Dieser Grundstock ist unbezahlbar. Wenn das Grundgerüst aus dem Familienschatz steht, empfehle ich Fachliteratur oder eine genealogische Gesellschaft – nicht, um sofort weiterführende Daten zu erheben, sondern um erst einmal zu erfahren, welche Quellen es überhaupt gibt und welche in Frage kommen. Familienforschung ist nichts für den Elfenbeinturm.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Detlef für die Teilnahme an unserem Interview und wenn auch ihr Lust habt mit uns eure Erfahrungen auszutauschen, schreibt mich einfach an.

Kommentare (3) Trackbacks (0)
  1. Ja eh klar, bis 13nochwas und auch noch Karl dem Großen ... sorry Herr Bär, aber den Bären können sie sich selbst aufbinden? Kein seriöser Ahnenforscher, der nicht gerade der Inzucht so manch adeliger "Familien" entstammt kann so weit zurückkommen und dabei der Wahrheit treu bleiben! Sie scheinen es ja nötig zu haben ;)
  2. Würde Sie gerne fragen ob Sie mir behilflich sein können oder mir Tips gebn können.Bin auch schon über 30 jahr auf der Suche nach meinem Vater den ich noch nie kennengelernt habe.
    War in Gs stationiert und ist engländer.leider bin ich drr englischen sprache nicht mächtig.habe das Gefühl nicht verwurzelt zu sein-auch wenn er tot ist möchteich ihn am Gab besucen und mich mit ihm aussöhnen.MyHeritag hat auch eine artikel geschrieben über ihn-aber leider alles ohne Erfolg am 1.Juni 2012 und in english am 5.6.2012.Über eine Nachricht würde ich mich sehr freuen von Ihnen.
  3. Lese gerade Ihren Kommentar. Da sollten Sie mal an den Fernsehsender SAT 1 wenden, da gibt es eine Sendung mit der Moderatorin Julia Leischick, die nach 'verschollenen Personen' mit recht großem Erfolg sucht.
    Viel Glück

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