11    Okt 20110 Kommentare

Buch-Tipp: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Jahrelang hat Eugen Ruge an seiner DDR-Familiensaga "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gearbeitet. Gestern erhielt er dafür den Deutschen Buchpreis 2011. In seinem Debütroman gelinge es dem 57-Jährigen, "die Erfahrungen von vier Generationen über 50 Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen", urteilte die Jury. Sein Buch erzähle "von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt und ihrem allmählichen Verlöschen". Zugleich würdigte die Jury die große Unterhaltsamkeit und den Sinn für Komik in dem Roman.

Über drei Generationen hinweg verfolgt Eugen Ruge die Geschichte einer Familie. Die Großeltern sind überzeugte Kommunisten, die Eltern Opfer des Stalinismus und der Sohn ist ein frustrierter DDR-Bürger, der sich in den Westen absetzt.

Die Handlung setzt 1952 ein und beginnt in Mexiko, dem Exil von Charlotte und Wilhelm, zwei beinharten Stalinisten. Beide stammen aus Arbeiterfamilien und haben erst durch die Kommunistische Partei Achtung erfahren und ihre Talente entfalten können. Dass die Partei eiserne Disziplin verlangt und Menschen, die nicht parieren, im Gulag verschwinden lässt, wollen sie nicht sehen. Selbst dann nicht, als die eigenen Söhne den Stalinschen Säuberungen in der Sowjetunion zum Opfer fallen.

Einer, Kurt, überlebt und zieht mit seiner russischen Frau Irina in die DDR. Über seine Erfahrungen im Gulag schweigt er. Er passt sich an, geht in die innere Emigration und versucht, sich aus Parteiangelegenheiten möglichst herauszuhalten. Sein Sohn Alexander wächst mit diesen Widersprüchen auf, den Parteisoldaten Charlotte und Wilhelm und dem Schweigen des Vaters. Die Mutter, ein begnadetes Organisationstalent, das die Familie zusammenhält, ersäuft ihre Frustration im Alkohol.

In Zeiten des abnehmenden Lichts spielt zum einen im Jahr 2001. Alexander reist nach Mexiko, auf den Spuren seiner Großeltern, die dort die Nazi-Zeit überlebt haben. Die Reise Alexanders bildet die Rahmenhandlung, in die Eugen Ruge auf einer zweiten Ebene dessen Familiengeschichte ab 1952 einblendet. Auf einer dritten Ebene erzählt der Autor vom 90. Geburtstag des Patriarchen Wilhelm am 1. Oktober 1989, also knapp vor der Wende. Dieses Ereignis taucht schlaglichtartig immer wieder auf.

So wie Ruge die Zeitebenen wechselt, wechselt er auch die Erzählperspektive. Er stellt alle Figuren mindestens einmal in den Mittelpunkt. Jeder hat sein Kapitel und bekommt damit die Chance, seine Version der Geschichte zu erzählen. Die zentrale Figur freilich ist Alexander, in dem man das Alter Ego Ruges erkennt.

Eugen Ruge ist ein berührender, großartiger DDR-Roman gelungen. Er erzählt schmucklos und genau Geschichten, die es so nur dort geben konnte. Viel Spaß beim Lesen!

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