5    Aug 20100 Kommentare

Rheinschiffer seit 300 Jahren – eine Familiengeschichte

Seit mehr als 300 Jahren befahren Schiffer mit dem Namen Schneidler den Rhein, die wichtigste Wasserstraße Europas. Mit dem Fluss verdienten und verdienen sie ihren Lebensunterhalt und er prägt seit jeher das Leben jeder Generation der Familie Schneidler. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts kann die Familie Schneidler als Flussschifer nachgewiesen werden.

Noch heute transportiert der Familienälteste Ernst-Valentin Schneidler mit 73 Jahren gemeinsam mit seinem Sohn Marcus  Güter, vor allem auf der Strecke Rotterdam - Budapest. Der Schiffer hat eigentlich eine Wohnung in Gernsheim, aber dort ist er selten anzutreffen, der Fluss ist sein Zuhause.

Gerhard Schneidler hat in akribischer Kleinarbeit die Geschichte der Familie von Rheinschiffern und Fischern zusammengetragen. Jahrgang 1946, hat auch er als Kind auf dem Schiff seines Vaters gelebt, bis er für die Schule an Land musste und bei einer Schwester seiner Mutter unterkam. Das Schiff des Vaters war der Schleppkahn Helvetia, ,,mit der erste Eisenkahn hier in Gernsheim, 1882 gebaut". Schaufelraddampfer schleppten damals an langen Trossen bis zu acht Lastenkähne. ,,Auf den Kähnen lagen immer extrem scharfe Beile bereit. Wenn es zu gefährlich wurde, konnte damit der Strang zum Schlepper durchgehauen werden", erzählt Gerhard Schneidler.

Lebhaft erinnert er sich noch an die vielen Schiffswracks, die nach dem Krieg aus dem Flussbett ragten und von Kränen geborgen werden mussten. Und an die Engpässe auf der Strecke zwischen St. Goar und Bingen, für die ein Teil des Schleppverbundes abgehängt werden musste und Lotsen an Bord kamen, um die Schiffe sicher zu navigieren.

Doch dann erkrankte Vater Georg-Johann plötzlich, 1954 musste die Schifffahrt für diesen Schneidler-Zweig eingestellt werden. Gerhard blieb auch nach der Schule an Land, erlernte das Möbelhandwerk, arbeitete später als Gutachter und Restaurator und dachte nicht über Familienforschung nach. Auch als sich vor ungefähr 50 Jahren ein Schneidler aus München meldete und wissen wollte, ob es gemeinsame Wurzeln gebe, zündete der Funke zunächst nicht. Jahre später wendete sich Schneidler an den Gernsheimer Stadtarchivar Hans Herbert Hertling, ,,und der eröffnete mir als erstes, dass wir verwandt sind", sagt der Hobby-Genealoge schmunzelnd.

In der Tat, Sohn Martin des Stammvaters Philipp Schneidler heiratete 1761 eine Elisabeth Hertling, womit die Schifferfamilie von Worms nach Gernsheim kam. Verwandtschaftliche Beziehungen zu den Münchner Schneidlers hat Gerhard Schneidler übrigens nicht finden können. Er entdeckte aber die Ursprünge der weitverzweigten Schifferfamilie Schneidler: Philipp Schneidler, 1701 in Aschaffenburg geboren, ging nach Worms und lebte dort als Rheinschiffer und Fischer. Zu dieser Zeit wurden die Holzkähne noch mit Pferden getreidelt. Auch Sohn Martin übte diesen Beruf aus.

Seit Philipp hat es in jeder Generation mindestens einen Sohn gegeben, der das Schifferpatent besaß und Schiffseigner war. Auch die Töchter heirateten meist in Schifferfamilien ein, wie auch ihre Brüder sich ihre Frauen meist in den Familien suchten, die das Leben auf dem Strom kannten. Denn die ganze Familie lebte ja auf dem Schiff, die Frauen wurden als Arbeitskraft gebraucht und halfen auch in den Schwangerschaften so lange wie möglich mit. ,,Die Kinder wurden meist irgendwo geboren. Ich habe Verwandte, die in Mannheim oder Koblenz zur Welt kamen, wo das Schiff halt gerade war", erzählt Gerhard Schneidler.

Da so viele Schneidlers Rheinschiffer waren, hat der Familienforscher die verschiedenen Zweige zur besseren Unterscheidung ihren Wohnorten zugeordnet: Während sein Zweig das bis heute existierende Stammhaus in der Rheinstraße 10 hatte, stammen Ernst-Valentin und Marcus vom Zweig Elisabethenstraße, zu dem auch Reinhard Schneidler gehört, dessen Name auf dem Denkmal des Schiffervereins Gernsheim am Rhein verewigt ist. Der Großvater Gerhards und der Urgroßvater Ernst-Valentins waren übrigens Brüder - und natürlich beide Schiffseigner.

Eine der wenigen Ausnahmen in dieser Familie von Rheinschiffern war Karl Schneidler, der Kaufmann wurde. Ausgerechnet nach ihm - das wurmt den Familienforscher Gerhard Schneidler schon ein wenig - wurde eine Straße in Gernsheim benannt.

Wenn ihr auch so eine interessante Familiengeschichte habt, lasst es uns wissen.

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