24    Jun 20105 Kommentare

Meine Familiengeschichte: Jürgen Ulloth und seine spannende Suche

Jürgen Ulloth ist 1947 in Kassel geboren worden und hat über 50 Jahre Ahnenforschung betrieben, um die Geheimnisse seiner Familie heraus zu finden. Jetzt, im Alter von 63 Jahren, weiß er alles über seine Herkunft und hat sich mit seiner amerikanischen Familie verbunden. In unserer Rubrik „Meine Familiengeschichte“ erzählen wir heute die unglaubliche Geschichte von Jürgen Ulloth, einem Nutzer von MyHeritage.de.

Jürgen Ulloth und seine Eltern

Ich erfuhr im Jahre 1954 zum ersten Mal, dass ich kein normales Kind war, als ich für ein Schulprojekt meinen Stammbaum zeichnen sollte. Ich fragte also meine Oma mütterlicherseits über unsere Familiengeschichte aus und sie erzählte mir alles woran sie sich noch erinnern konnte. Ich fand heraus, dass ihre Familie aus Köln stammt und schon über 100 Jahre in dieser Stadt lebte. Als ich jedoch mehr über die Großeltern väterlicherseits erfahren wollte, also über die Familiengeschichte der Ulloths, machten die Erzählungen keinen Sinn mehr und alles schien mir zu verwirrend. Dies war wohl das erste Anzeichen dafür, dass irgendwas nicht in meiner Familie stimmte. Ich fand aber erst Jahre später heraus, was meine Familie vor mir versteckte.

Die geheime Geschichte geht um meine deutsche Mutter und einen amerikanischen Soldaten, in dem sie sich während des Zweiten Weltkrieges verliebte. Dieses Schicksal teile ich mit einigen, weiteren zehntausenden Babys, die von US-Soldaten während und nach dem Zweiten Weltkrieg gezeugt wurden. Die meisten von ihnen wissen nichts über ihre Väter und einige von ihnen führen ein schwieriges Leben, weil sie irgendwann davon erfahren haben.

Ich erfuhr von meinem amerikanischen Vater als ich 25 Jahre alt war. 1972 war das Jahr als ich heiraten wollte und damals musste man dem Standesamt Kopien seiner Geburtsurkunde vorlegen. Als die Geburtsurkunde ankam, fragte mich der Standesbeamter: "Wussten Sie, dass Ulloth nicht Ihr Geburtsname ist? Ihr Stiefvater gab Ihnen diesen Namen als Sie 7 Jahre alt waren. " Dies hatte ich noch nie zuvor gehört und bis zu diesem Zeitpunkt war mein Vater auch MEIN Vater gewesen und wieso sollte dies auch nicht so sein?

Das war als meine Mutter und (ab sofort) mein Stiefvater mir von meinem richtigen Vater erzählten. Mein richtiger Vater Malcolm, der damals 19 Jahre alt war und meine Mutter Gerta (17) trafen sich zum ersten mal im Jahre 1945 in Kassel, als der Zweite Weltkrieg endete. Mein Vater war mit der US-Armee auf Durchreise in Deutschland und lernte meine Mutter während der Fahrt zu ihrer Heimatstadt kennen. Er hat sich sofort in ihr langes, blondes Haar verliebt und schlug ihr vor, sie nach Hause zu fahren. So begann die Liebe zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Im Jahr 1947, während mein Vater vorübergehend in den USA war, wurde ich geboren. Er kam für 2 ½ Jahre zurück nach Deutschland und besuchte meine Mutter so oft wie möglich.

Jürgen, sein Vater und das Kaiser-Auto

Ich habe einige Bilder von der Zeit, die sie zusammen verbrachten. Eines zeigt meine Mutter und mein Vater und den kleinen "Billyboy" – Mich! Im linken Bild (hier im Blog) sieht man mich als Baby zusammen mit meinem Vater und seinem wunderschönen Wagen, ein Kaiser-Modell, das er in der Lotterie gewonnen hatte. Könnt ihr euch vorstellen, dass er in eine völlig zerstörten Stadt kam um nur mit meiner Mutter zusammen zu sein? Kassel, die Stadt, in der sie lebten ist ,in nur einer Nacht, fast komplett zerstört worden.

Eine gemeinsame Zukunft sollten sie aber nicht haben. Sie wollten heiraten, aber der Armee-Priester sagte ihnen, dass sie zu jung seien. Noch wichtiger ist wohl zu wissen, dass amerikanische Soldaten zu der Zeit keine „Gegner-Frauen“ heiraten durften. Da meine Eltern keine Erlaubnis zu heiraten bekamen und die Familie meiner Mutter strikt gegen die Beziehung mit meinem Vater war, reiste er 1948 aus Krankheitsgründen zurück in den USA. Meine Mutter heiratete dann 1951 meinen Stiefvater Erich Ulloth.

Mein Stiefvater Erich war der Sohn eines "echten" Deutschen. Er und seine beiden Brüder wurden in Frankreich von den Russen und ironischerweise den Amerikanern gefangen gehalten. Erich Ulloth diente 1943 zusammen mit meinem Großvater mütterlicherseits der Marine und wurde bis 1951 in Russland gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung kehrte er zurück nach Kassel und besuchte die Familie meiner Mutter, so traf er zum ersten mal meine Mutter. Schließlich heirateten beide.

Im Jahre 1973 starb meine Großmutter mütterlicherseits. Aber erst 30 Jahre später entdeckten wir einen Schuhkarton, den sie vor mir und meiner Mutter versteckt hielt. Dort waren etwa 40 Briefe und Fotos von meinem amerikanischen Vater versteckt. Er schrieb meiner Mutter und fragte wieso sie nicht reagiere und ob sie ihn schon vergessen habe? Sein letzter Brief kam 14 Tage bevor meine Mutter Erich Ulloth heiratete! Es ist wie eine Tragödie, wenn man bedenkt, dass meine Mutter nie von diesen Briefen erfahren hatte.

Das war der Zeitpunkt, als ich mich entschloss herauszufinden, wer mein richtiger Vater war. Das US-Konsulat in Frankfurt hat mir hier bei meiner Forschung sehr geholfen. Aber sie warnten mich, denn nichts war in den Vereinigten Staaten registriert, außer den Menschen, die der Armee oder der Marine gedient hatten, also könnte meine Suche schwierig werden.

Bei meiner Suche hatte ich Glück einen Mann kennen zu lernen, der seinen Wehrdienst hier in Deutschland, in der Nähe der Stadt, in der ich heutzutage lebe, absolviert hatte. Anfangs erzählte er mir, dass die meisten Akten geheim waren - so würde ich nicht in der Lage sein, alle Informationen über meinen Vater heraus zu finden, was für mich eine große Enttäuschung war. Aber dann fragte er mich, ob ich eine Faxnummer hätte, denn manchmal kommt es vor, dass man ein Überraschungsfax erhält. Zehn Minuten später erhielt ich die Todesurkunde meines Vaters mit der Anschrift des Krankenhauses, des Arztes und der Adresse, in der er zuletzt gelebt hatte.

Ich fand heraus, dass er im Jahr 1999 starb, nur einen Tag vor meinem Geburtstag. Im Alter von 58 Jahren, musste ich die traurige Realität akzeptieren, dass ich meinen biologischen Vater niemals sehen, geschweige denn sprechen würde.

Jürgen Ulloth und sein Vater Malcolm

Ich war entschlossen, dies nicht ruhen zu lassen. Nachdem ich den Totenschein vom Büro in Asheville erhielt, reiste ich in den USA. Ich ging zum Grundbuchamt und suchte nach Familienmitgliedern mit dem selben Namen wie den von meinem Vater: "Ingle“. Ich fand die Heiratsurkunde meines Vaters, welche besagte, dass er 1952 mit einer Amerikanerin geheiratet hatte. Dieses Dokument war von zwei weiteren Ingles unterzeichnet, Dock Owen und Doris Ingle. Ich suchte also im Telefonbuch in meinem Hotel und fand einen Dock Owen Ingle, rief die Nummer an und eine Dame ging ran. Ich fragte sie nach Malcolm Ingle und sie (meine Tante Doris Ingle) sagte mir, dass sie sich sehr gut an ihn erinnere, sie jedoch nicht mit mir über die Familie sprechen wolle.

Ich ging zurück nach Hause und setzte die Suche nach anderen Menschen mit dem Familiennamen Ingle über das Internet, offiziellen Registern und anderen Genealogie-Websites fort und dann fand ich die Seite MyHeritage.com, mit der ich bis heute arbeite.

Mit Hilfe dieser Quellen und, was sehr wichtig ist, einem professionellen Ahnenforscher aus South California, machte ich einige Fortschritte. Ich erhielt Namen und Daten von verschiedenen Ingles und verfolgt ihre Familiengeschichte bis ins Jahr 1619. Es handelt sich bei diesen Vorfahren um die berühmte Familie der Reynolds Tobacco aus Virginia. Meine deutschen Vorfahren sind die Banthers, die ich bis 1700 zurück verfolgen kann.

Im Jahre 2006 hatte ich dann meinen Durchbruch, als ich eine Notiz über die Scheidung einer Frau Martha Lee Ingle von einem Herrn Sparacino in Hendersonville (nahe Asheville) gefunden hatte. Der Familienname Sparacino ist kein sehr häufig verwendeter Name, wie Ingle, so suchte ich nach diesen Namen und fand ein Restaurant, "Sparacino's", der nur mit einer E-Mail-Adresse aufgeführt war. Ich schrieb ihnen über Malcolm Ingle und bekam einige Stunden später einen Anruf von David Sparacino. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn von Martha Ingle war und sich an seinem Onkel Malcolm erinnerte. Er sagte mir, dass seine Mutter gerne mit mir sprechen würde. Ich nahm Kontakt mit der Familie Ingle auf und besuchte 2007 wieder Asheville, wo mich meine vier Cousins begrüßten. Alle erinnerten sich gut an meinem Vater und sie sagten, dass er wie ein großer Bruder für sie gewesen sei. Am ersten Wochenende im Oktober 2007 hielten wir zum ersten Mal unser berühmt gewordenes Familientreffen und dort traf ich mehr als 70 amerikanische Vetter aus Missouri, Alabama, Kalifornien, Florida und natürlich auch aus North Carolina. Ich werde diesen Augenblick meines Lebens niemals vergessen!

Meine Familiengeschichte ist wirklich sehr speziell, aber auch wunderbar, weil ich dadurch meine gesamte Familie in den USA getroffen habe. Sie behandeln mich wie ein lang verlorener Sohn. Das US-Konsulat sagte mir, dass ich von Geburt an ein US-Bürger sei und sie gaben mir einen US-Pass. Dies machte mich sehr stolz, da dieses Dokument meine Wurzeln symbolisiert. Und noch was: was als eine Suche begann, gestaltete sich nun zu einem Hobby, meinem Lieblingshobby! Eine Sache ist jedenfalls sicher: Unsere Vorfahren haben uns viel zu erzählen, und wir alle sollten auf sie hören.

Kommentare (5) Trackbacks (0)
  1. Ja! Das ist der Stoff, aus dem akribische recherchierte Lebensläufe sind. Das könnte ich aus eigener Erfahrung seitenweise ergänzen:

    Außereheliche Abkömmlinge von Soldaten im Stammbaum(zum Beispiel wegen Heiratsverbot: Oder wie ein Aschenputtel zu einer großen Erbschaft kam).

    Wie der kleine clarkHH nachts im Wald von Sowjets verhaftet wurde (Grenzübertritte 1945 bis 1950).

    Wie der kleine clarkHH "zanku" (thank you -> Danke) sagen lernte (für Schokoriegel von amerikanischen Besatzungssoldaten).

    Wie ein 1949 verstorbenes Schweizer Familienmitglied Ehrenbürger, Dr. med. hc, ...wurde und die Enkeltochter eines äthiopischen Kaisers ehelichte.

    Die Geschichten eben, die hinter allen Profilkärtchen der Stammbäume stecken ...
  2. Sehr tolle Geschichte!
    Es hat Spaß gemacht sie zu lesen ...

    - Timo!
  3. eine zuerst tragische,dann schöne Geschichte. Glückwunsch.

    Ich bin bisher nicht nicht weiter gekommen. US Consulat blockt.
  4. Interessante Geschichte!
    Beim Finden dieser Seite hoffte ich auf Informationen hinsichtlich der Familie "Ulloth".
    Habe mich aber sehr gut unterhalten gefühlt beim Lesen.
    Meinen Glückwunsch für diesen Erfolg!
  5. Ich finde es wirklich gut, er freut mich sehr das Sie Ihre Familienangehörigen in den USA gefunden haben. Ich tappe jedenfalls total im dunkeln.

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